MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Labordienstleister Synlab wagte Ende April den Sprung aufs Börsenparkett. Analysten äußerten sich zuletzt durchaus positiv, doch bisher greifen die Investoren eher zögerlich zu. Zur Lage des Unternehmens, was die Experten sagen und was der Anteilsschein macht.

ZUR LAGE DES UNTERNEHMENS:

Synlab mit Sitz in München geht auf die 1998 von Bartl Wimmer gegründete "Vereinigung freier Laborärzte" aus Augsburg zurück. 2015 übernahm der Finanzinvestor Cinven das Unternehmen - am Markt ist von einem Kaufpreis von 1,7 Milliarden Euro die Rede - und fusionierte es mit dem zuvor ebenfalls übernommenen französischen Labordienstleister Labco. Der Zusammenschluss machte die Gruppe nach eigenen Angaben zum größten europäischen Laborbetreiber. Heutzutage beschäftigt Synlab rund 20 000 Mitarbeiter. Neben der Labordiagnostik etwa für Kliniken und Mediziner verfügt Synlab noch über einen kleineren veterinärmedizinischen Zweig.

Die Corona-Pandemie lässt die Geschäfte bei Synlab aktuell brummen. Allein im vergangenen Jahr steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um fast 40 Prozent. Von 2,6 Milliarden im Jahr 2020 sollen die Erlöse in diesem Jahr weiter kräftig steigen. Konzernchef Mathieu Floreani peilt mehr als 3 Milliarden Euro an. Dabei profitiert das Unternehmen auch von einem Netzwerk aus mehr als 450 Laboren in 36 Ländern auf vier Kontinenten.

Synlab hat wie die meisten Anbieter verschiedene Tests auf das Sars-Cov-2-Virus im Angebot. Von PCR-Tests führte der Konzern allein im ersten Quartal mehr als sieben Millionen durch.

Bei der Fußball-Europameisterschaft ist das Unternehmen im Auftrag der UEFA ebenfalls mit von der Partie. Synlab testet neben den Spielern der 24 Teams etwa auch die Belegschaft an den elf Austragungsorten. Die UEFA, die hofft, irgendwann einmal wieder zu einem normalen Fußballalltag mit prall gefüllten Stadien zurückkehren zu können, hatte erst kürzlich den Vertrag mit Synlab für eine weitere Saison verlängert.

Allerdings zeigt sich damit auch, dass derzeit das Wachstum des Konzerns ganz maßgeblich von den Corona-Tests abhängt. Entsprechende Bedenken von Investoren hatten auch den Vorbereitungen zum Börsengang zunächst den Wind aus dem Segeln genommen.

Für Konzernchef Mathieu Floreani jedoch ist die aktuelle Corona-Abhängigkeit kein gravierendes Problem: Er geht wie viele andere Gesundheitsexperten davon aus, dass Covid-19 künftig endemisch, also örtlich begrenzt sein wird, oder sich bei einer bestimmten Population hält. Deshalb müsse auch in Zukunft viel getestet werden, ist der Manager überzeugt und hofft auf anhaltenden Schub auch für Synlab.

Zudem will der Konzern auch weiterhin durch Übernahmen wachsen - in der Regel kauft das Unternehmen pro Jahr etwa 20 bis 30 Labore hinzu. Dieses Tempo will Floreani halten, wobei er den Fokus künftig auf Lateinamerika und Afrika legt. In der Vergangenheit waren immer einmal Spekulationen über ein Zusammengehen mit einem Wettbewerber laut geworden, doch dies schien zumindest zuletzt für Floreani kein Thema gewesen zu sein.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Anfang Juni äußerten sich die ersten Analysten zu Synlab. Das Votum der Branchenkenner ist positiv: Die Mehrheit stimmt für einen Kauf der Aktie. Von den im dpa-AFX Analyser erfassten fünf Experten haben nur zwei ein neutrales Votum, ein Verkaufsvotum gibt es nicht. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 22,30 Euro und damit fast ein Fünftel über dem aktuellen Kurs.

Das größte Aufwärtspotenzial traut dem Papier die britische Bank HSBC zu - sie ruft sogar ein Kursziel von 28 Euro aus. Etwas bescheidener, aber doch optimistisch ist Pharmaexperte Falko Friedrichs von der Deutschen Bank. Er hat einen fairen Wert von 24 Euro für die Aktie ausgerechnet und sieht Synlab in einer Führungsrolle bei der Branchenkonsolidierung. Dabei lobte er auch, dass das Unternehmen die Fühler in wachstumsstarke Schwellenländer ausstrecke.

Veronika Dubajova von der US-Investmentbank Goldman Sachs traut Synlab in den kommenden Jahren überdurchschnittliche Umsatzsteigerungen zu. Sie verwies auf die gute Positionierung des Unternehmens im europäischen Markt, der nach Einschätzung der Analystin dank demographischer Entwicklungen wachsen sollte. Jefferies-Analyst James Vane-Tempest sieht unterdessen mit Blick auf die Finanzkennzahlen Raum für positive Überraschungen im zweiten Halbjahr. Auch dank der Unternehmensstrategie kleinerer Zukäufe ist er optimistisch für die Ergebnisentwicklung bis 2025.

Zwiegespalten scheint indes Analyst Hassan Al-Wakeel von der britischen Investmentbank Barclays, der die Aktie nur mit "Equal Weight" einstuft und ein Kursziel von 20,50 Euro ausruft. Vorerst brächten Corona-Tests Potenziale mit sich, stellt er fest und lobt, dass Synlab sich als treibende Kraft mit mehr als 100 Übernahmen seit 2015 in einem stark fragmentierten Markt hervortue. Weltweit sieht der Experte zudem ebenfalls große Möglichkeiten für eine weitere Konsolidierung, da rund 60 Prozent des weltweit mehr als 200 Milliarden Dollar schweren Marktes noch nicht in der Hand der fünf größten Anbieter seien.

Allerdings warnte der Experte auch, dass mittelfristig das Auslaufen der Testkampagnen wohl genauso zum Risiko für Synlab werden dürfte wie weitere Übernahmen. Daher bleibe zunächst abzuwarten, wie sich der Konzern nun als börsennotiertes Unternehmen schlage. Vorerst hält Al-Wakeel einen Abschlag für angemessen im Vergleich zu den Papieren von Wettbewerbern.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Mit gut 18,70 Euro hat sich die Aktie bis dato nur wenig vom Ausgabepreis bei 18 Euro von Ende April entfernt. Vor dem Gang aufs Parkett hatte sich das Unternehmen noch bis zu 23 Euro je Aktie erhofft, den Ausgabepreis wegen eines wohl eher schleppenden Interesses dann aber ans untere Ende der angestrebten Spanne gesenkt.

Dabei wurden die Altaktionäre um den Finanzinvestor Cinven, die dänische Novo Holdings und der Unternehmensgründer Bartl Wimmer weniger Aktien los als erhofft. Statt des zuvor angepeilten Volumens von bis zu 1,5 Milliarden Euro kam die Emission damit nur auf rund eine Dreiviertelmilliarde Euro.

Nach einem flüchtigen Rutsch unter den Ausgabepreis konnte das Papier zunächst zulegen, bis auf 21,56 Euro am zweiten Handelstag. Dann ging es aber wieder abwärts. Zuletzt pendelte der Kurs überwiegend in einer Bandbreite zwischen rund 18 und 19 Euro.

Auch die positiven Analystenstudien gaben bisher nur kurzzeitig Auftrieb. Nach deren Veröffentlichung zog das Papier binnen zwei Handelstagen auf ein Zwischenhoch bei 19,60 Euro, hat seitdem aber wieder rund vier Prozent an Wert eingebüßt. Zuletzt stand der Kurs bei knapp 18,90 Euro, womit Synlab auf eine Marktkapitalisierung von rund 4,2 Milliarden Euro kommt. Damit bringen die Münchener deutlich weniger als die Hälfte des Börsenwertes des großen Konkurrenten Sonic Healthcare auf die Waage - das Marktgewicht der Australier beträgt umgerechnet knapp 11 Milliarden Euro./tav/ngu/bek/mis

 ISIN  DE000A2TSL71

AXC0074 2021-06-11/08:35

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