Ölpreis über 100 Dollar, Daimlers Streichkonzert und Oracles 50-Milliarden-Offensive
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern schrieb ich, die IEA-Entscheidung zur Ölfreigabe werde den Takt für den Rest der Woche vorgeben. Die Antwort kam prompt – und sie fiel ernüchternd aus. Trotz der historischen Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den Notfallreserven durchbrach Brent-Rohöl in der Spitze die Marke von 101,59 Dollar. Die größte koordinierte Intervention der Energiegeschichte verpuffte binnen Stunden. Gleichzeitig meldete Oracle nachbörslich Quartalszahlen, die den Konzern dazu veranlassen, im kommenden Geschäftsjahr 50 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur zu investieren – mehr als manche europäische Volkswirtschaft in einem Jahr für Bildung ausgibt.
Zwei Welten, ein Handelstag. Die eine brennt. Die andere boomt. Ordnen wir das.
Das Nadelöhr schließt sich
Die Eskalation am Persischen Golf hat eine neue Qualität erreicht. Nach Angriffen auf zwei Tanker vor der irakischen Küste hat Bagdad den Betrieb seiner Ölterminals ausgesetzt. Die Straße von Hormus – jene 55 Kilometer schmale Passage, durch die 20 Prozent des weltweiten Öls fließen – ist für die zivile Schifffahrt praktisch unpassierbar.
Die 400 Millionen Barrel aus den IEA-Reserven, darunter 172 Millionen aus den USA? Analysten stufen den Schritt als „symbolische Geste" ein – eine Schmerzlinderung für vielleicht drei Wochen. Denn strategische Reserven können einen Angebotsschock puffern, aber keine blockierte Meerenge ersetzen. Das war gestern noch meine These. Heute ist sie Marktkonsens. Teherans Drohung, den Ölpreis auf 200 Dollar zu treiben und einen „Zermürbungskrieg" gegen die Weltwirtschaft zu führen, wird an den Terminmärkten eingepreist. Die Konsequenz reicht bis nach Washington: Für 2026 rechnen die Futures-Märkte nur noch mit einem einzigen Zinsschritt der Fed nach unten. Die Hoffnung auf billiges Geld stirbt leise.
Deutschlands Industrie unter Dauerbeschuss
Was ein dauerhaft dreistelliger Ölpreis für die größte Volkswirtschaft Europas bedeutet, hat das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle heute Morgen in eine einzige Zahl gegossen: 0,7 Prozent. Mehr Wachstum traut das IWH Deutschland 2026 nicht mehr zu.
Wie sich diese Zahl in Konzernbilanzen übersetzt, zeigte Daimler Truck. Der DAX-Konzern legte gestern Zahlen für 2025 vor, die einer Zäsur gleichkommen. Der Gewinn brach um 34 Prozent auf 2 Milliarden Euro ein, der globale Absatz sank um 8 Prozent – in Nordamerika, dem traditionellen Cashflow-Motor, sogar um 26 Prozent. Die Antwort des Managements trägt den programmatischen Namen „Cost Down Europe": Über eine Milliarde Euro Einsparungen bis 2030. Der Preis: 5.000 Stellen in Deutschland. Erinnern Sie sich an Porsches verschärften Stellenabbau, den ich gestern beschrieb? Daimler Truck reiht sich nahtlos ein. Die deutsche Automobilindustrie schrumpft sich gesund – oder versucht es zumindest.
Auch BMW kämpft. Der Münchner Konzern meldete zwar einen gestiegenen Quartalsgewinn, erwartet für 2026 aber einen Rückgang – transatlantische Zölle fressen die Margen, das China-Geschäft bleibt schwach. Und als wäre der industrielle Gegenwind nicht genug, steht auch die logistische Infrastruktur still: Ein zweitägiger Pilotenstreik bei der Lufthansa hat heute allein in Frankfurt 400 Starts und Landungen gekostet, in München weitere 230.
Oracles Flucht nach vorn
Wechseln wir die Perspektive. Oracle lieferte gestern Abend Quartalszahlen, die wirken, als kämen sie von einem anderen Planeten. Der Umsatz stieg um 22 Prozent auf 17,2 Milliarden Dollar. Das Cloud-Infrastruktur-Geschäft legte um 84 Prozent zu. Doch die Zahl, die alles überragt, ist die geplante Investitionssumme für das Geschäftsjahr 2026: 50 Milliarden Dollar – ausschließlich für den Ausbau von KI-Rechenzentren.
Um diese Dimension greifbar zu machen: Daimler Truck erzielte im gesamten Jahr 2025 einen Umsatz von 49,5 Milliarden Euro. Oracle investiert also in einem einzigen Jahr mehr in Serverfarmen, als ein deutscher DAX-Konzern mit über 100.000 Mitarbeitern umsetzt. Dafür nimmt Larry Ellisons Unternehmen einen negativen Free Cash Flow von fast 25 Milliarden Dollar in Kauf. Das Kapital verschwindet nicht aus der Weltwirtschaft – es migriert. Von Stahlpressen zu Grafikprozessoren, von Montagehallen zu Kühlsystemen für Rechenzentren.
Krypto im Angstmodus
Dass in einem Umfeld steigender Ölpreise, schwindender Zinshoffnungen und explodierender Investitionsbudgets die spekulativsten Assets unter die Räder geraten, folgt einer brutalen Logik. Bitcoin notiert bei rund 70.490 Dollar – ein Rückgang von über 40 Prozent seit dem Allzeithoch im Oktober 2025. Der „Crypto Fear and Greed Index" steht bei 26. Das ist nicht Vorsicht. Das ist Angst.
Was jetzt zählt
Der DAX hält sich zur Mittagszeit mit einem Minus von 0,3 Prozent bei rund 23.560 Punkten bemerkenswert stabil. Panik sieht anders aus. Doch die fundamentalen Koordinaten haben sich in dieser Woche verschoben – und zwar nicht vorübergehend.
Die Rückkehr der geopolitischen Risikoprämie beim Öl wird die Inflation hartnäckiger machen, als es den Notenbanken in Frankfurt und Washington lieb sein kann. Richten Sie Ihren Blick in den kommenden Tagen weniger auf die Indizes als auf die Anleihemärkte. Steigen die Renditen dort weiter, weil der Markt die Hoffnung auf lockere Geldpolitik endgültig begräbt, wird auch die erstaunliche Gelassenheit der Aktienmärkte einem echten Stresstest unterzogen.
Ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf in diesen turbulenten Handelstagen.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








