Banken-Stresstests
Aus Finanz- und Wirtschaftswiki
Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema, das im Sommer 2010 den Markt beherrschte:
Inhaltsverzeichnis |
1. WARUM GIBT ES STRESSTESTS?
Politiker und Regulierer erhoffen sich von einer Veröffentlichung der Stresstests eine Beruhigung der Märkte. Sie sollen zeigen, dass die Banken auch unter Extremsituationen überleben und mit ausreichend Kapital ausgestattet sind. Spanien hatte im Jahr 2010 eine Veröffentlichung der Tests der einzelnen Banken gefordert und damit die Debatte um die Prüfungen losgetreten. Einige spanische Banken hatten zuvor am Interbankenmarkt kein Geld mehr bekommen, weil die Investoren wegen der Schuldenprobleme des Landes eine Pleite fürchteten. Europa wollte durch diesen Stresstest das Vertrauen der Investoren in das Bankensystem wieder stärken, das durch die Finanzkrise erschüttert worden war. In den USA hatten die Regulierer ihre Banken während der Finanzkrise einem Stresstest unterzogen und damit zumindest teilweise das Vertrauen der Investoren in die Stabilität des Bankensystems wieder herstellen können.
2. WELCHE BANKEN WURDEN GETESTET?
Die europäischen Regulierer hatten bereits einen Stresstest für die 25 größten international tätigen europäischen Banken gemacht. Dazu zählen etwa die Deutsche Bank, Commerzbank, die BayernLB, die französische BNP Paribas, Credit Agricole, die britische Royal Bank of Scotland, HSBC, Barclays und Lloyds. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die EU drängten im Frühsommer 2010 auf eine Ausweitung der Tests auf über 100 Banken. Letztlich wurden 91 Institute aus 20 Mitgliedsstaaten auf ihre Krisentauglichkeit hin untersucht. Meist die größten Institute des jeweiligen Landes, die zusammen auf etwa die Hälfte der Bilanzsumme kommen. In Österreich mussten sich die RZB-Gruppe und die Erste Group dem Stresstest unterziehen, ebenso die Bank Austria, deren Ergebnis allerdings dem Mutterkonzern UniCredit zugerechnet wurde.
3. WAS WURDE GETESTET?
Die Tests prüften die Überlebensfähigkeit von Banken in Extremszenarien. In einem ersten Schritt wurden die Auswirkungen einer Rezession in Europa auf die Kredit- und Handelsbücher der Banken getestet. Unter anderem sollten sie darin erstmals konkret offenlegen, welche Verluste ihnen drohten, wenn es 2010 oder 2011 zu einer zweiten Rezession käme und die Anleihemärkte in Europa einbrächen. Der Lackmustest für die Banken war ihre Kapitalausstattung unter diesen Bedingungen Ende des kommenden Jahres. Solche Schätzungen hatten sie noch nie veröffentlicht. Auch war eine solche Fülle an Testdaten bisher im Markt nicht erwartet worden. Besonderes Augenmerk warfen die Regulierer bei den Tests auf die Kernkapitalquote der Bank (Tier 1), die Kennzahl, die die Risikotragfähigkeit eines Instituts misst. Die EZB drängte im Stress-Szenario auf eine Quote von mindestens 6 Prozent. Das ist höher als das bisher noch gesetzlich erforderliche Minimum von 4 Prozent. Dennoch verlangen viele Investoren bereits eine höhere Quote, wie sie auch in den neuen Kapitalvorschriften erwartet wird.
4. WER MACHTE DIE TESTS?
Durchgeführt wurden die Tests von der jeweiligen nationalen Regulierungsbehörde. Als europäische Koordinationsstelle fungierten die europäischen Bankenregulierer CEBS mit Sitz in London.
5. WANN UND WIE WURDEN DIE ERGEBNISSE VERÖFFENTLICHT?
Die Publikation der Ergebnisse fand am 23. Juli 2010 statt. Wie die Ergebnisse veröffentlicht werden, stand bis zur Präsentation derselben nicht fest. Die EU drängte auf eine Veröffentlichung der Ergebnisse pro Bank. Während die Finanzbranche lediglich für eine Publizierung der Note "bestanden" oder "nicht bestanden" plädierte, wollten die Regulierer auch weitere Details veröffentlichen.
6. DIE ERGEBNISSE
Den Stresstest der europäischen Bankenaufsicht CEBS haben sieben Institute nicht bestanden. Im strengsten Szenario blieben sie mit ihrer Kernkapitalquote unter 6 Prozent. Nach Angaben der europäischen Aufsichtsvereinigung hatten diese Institute insgesamt einen Kapitalbedarf von 3,5 Mrd. Euro. Neben der deutschen Hypo Real Estate (HRE) haben die griechische Atebank und fünf spanische Banken den Stresstest nicht bestanden. In Spanien sind das die Cajasur, Banca Civica Savings Bank Group, Unnim Savings Bank Group, Espiga Savings Bank Group und die Diada Bank Group. Alle vier geprüften portugiesischen Banken haben hingegen die europaweiten Stresstests bestanden. Österreichs Banken schnitten zufriedenstellend ab. Ergebnis damals: Alle drei Großbanken, die zu Jahresbeginn inklusive Staatshilfen (Erste und RZB) und Kapitalerhöhung (Bank Austria) eine Kernkapitalquote zwischen 9,2 Prozent und 10,35 Prozent aufwiesen, rutschen auch bei hohem Stress in Form einer neuerlichen Rezession nicht unter die magische Marke von sechs Prozent. Im Gegenteil: Sie bleiben bei 7,8 Prozent (RZB), 8,0 Prozent (Erste) und rund neun Prozent (Bank Austria) an Kernkapital, das zur Deckung von etwaigen Verlusten sofort zur Verfügung stünde. Damit muss auch die Republik kein weiteres Geld aus dem Bankenhilfspaket locker machen.
7. WELCHE PROBLEME SAHEN FINANZEXPERTEN?
Analysten drängten im Vorfeld der Ergebnis-Präsentationen darauf, dass die Stresstests mit einheitlichen Kriterien und rasch nach ihrer Erhebung veröffentlicht werden. Die Experten von Nomura warnten davor, dass die Szenarien nicht drastisch genug gezeichnet werden, die Pleitegefahr einiger europäischer Länder nicht ausreichend berücksichtigt werde und die Aussagekraft der Ergebnisse beschränkt sei. Dann könnte eine Veröffentlichung der Tests kontraproduktiv sein und letztlich mehr Fragen aufwerfen als klären. Die Experten von BNP Paribas sahen als wichtigsten Faktor für eine Beruhigung der Investoren Tests am Staatsanleihenmarkt. "Wenn das nicht enthalten ist, könnte es den ganzen Sinn der Stresstests hinfällig machen", schrieben die Experten.

