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17.01.2013

Pharma: Abwärtstrend endet


Auslaufende Patente, Rückschläge bei der Entwicklung neuer Arzneien, Spardruck in den Gesundheitssystemen: Pharmahersteller mussten zuletzt bittere Pillen schlucken. Doch die Branche hat sich erholt, die Labors melden wieder Erfolge. Nun steht eine Reihe von Arzneien vor der Markteinführung, die nicht nur die Patienten auf Genesung hoffen lassen. Pharmakonzernen, die zum Teil mit sinkenden Umsätzen kämpften, winken zusätzliche Milliardeneinnahmen.

So wurden 2012 in den USA 39 Medikamente neu zugelassen - nur 1996 gab es für mehr Wirkstoffe grünes Licht. Die gut gefüllten Entwicklungs-Pipelines machen Unternehmen wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly, Roche und Biogen optimistisch.

In Deutschland glänzt Bayer mit neuen Medikamenten. Stand das Bayer-Pharmageschäft vor zehn Jahren ganz im Bann des gescheiterten Cholesterinsenkers Lipobay, strotzt es heute vor Kraft. Allein fünf neuen Präparaten zur Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Augenleiden traut Konzernchef Marijn Dekkers zusammen einen jährlichen Spitzenumsatz von mehr als 5,5 Mrd. Euro zu. Drei der Arzneien sind bereits zugelassen. In diesem Jahr könnte das Prostatakrebsmittel Alpharadin hinzukommen, das Spitzenumsätze von mehr als einer Milliarde Euro erreichen soll. Das fünfte Präparat Riociguat gegen Lungenhochdruck soll 2014 folgen. Umsatzschätzung hier: mehr als 500 Mio. Euro in der Spitze.

Insgesamt könnten europäische Pharmakonzerne bis 2015 nach Schätzungen der Deutschen Bank mit neuen Medikamenten jährliche Spitzenumsätze von bis zu 48 Mrd. Euro erreichen - angepasst um Ausfallrisiken winken immer noch 20 Mrd. Euro im Jahr. Die erwarteten Einbußen durch Patentverluste sieht das Bankhaus dagegen nur bei neun Milliarden Euro. Nach der Welle auslaufender Patente von Blockbustern wendet sich somit das Blatt für die forschenden Firmen. Auch Pharma-Experte Simon Friend von PriceWaterhouseCoopers sieht Erholungszeichen. Allerdings sei die Branche nicht über den Berg. Denn Regierungen und Versicherer halten den Daumen auf Arzneimittelkosten. "Die Produktivität legt zu - aber das andere große Thema ist, ob die Industrie für die neuen Produkte auch die Preise erzielen kann, die sie braucht", betonte Friend.

Trotz solcher Bedenken ziehen die Medikamentenhersteller verstärkt Investoren auf der Jagd nach Renditen an. So legte der STOXX 600 Healthcare-Index, in dem sich Aktien von Größen wie Sanofi, Novartis und GlaxoSmithKline tummeln, seit Mitte November rund sieben Prozent zu. Auftrieb könnte auch die Bilanzsaison geben, die kommende Woche startet. Dann legen unter anderem in der Schweiz Novartis und in den USA Johnson & Johnson und Amgen Geschäftszahlen vor.

Unter den Präparaten, denen Analysten Milliardenumsätze zutrauen, steht in diesem Jahr das Multiple-Sklerose-Mittel BG-12 des US-Konzerns Biogen im Fokus. Experten rechnen mit einer Zulassung in den USA in den nächsten Wochen. Die Aussicht hat den Aktienkurs des Konzerns in den vergangenen drei Jahren fast verdreifacht. Auch wenn es nach Gilenya von Novartis und Aubagio von Sanofi die dritte Tablette gegen die Nervenkrankheit ist, trauen Experten BG-12 mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz zu. Früher mussten MS-Präparate gespritzt werden - die neuen Tabletten lassen sich besser von den Patienten anwenden.

Auch gegen Diabetes dürften 2013 mehrere Arzneien auf den Markt kommen. Hier steht mit den SGLT-2-Hemmern eine neue Klasse von Präparaten im Rampenlicht, mit denen Zucker unabhängig vom Insulin über die Urinausscheidung abgebaut wird. Experten rechnen damit, dass Johnson & Johnson in den kommenden Monaten grünes Licht für sein so wirkendes Mittel Canagliflozin in den USA erhält. Auch der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim und das US-Unternehmen Eli Lilly entwickeln mit Empagliflozin eine solche Substanz. Analysten trauen diesen Diabetes-Arzneien 2020 einen Gesamtumsatz von rund sieben Milliarden Dollar zu.

Bei der Behandlung von Krebs - der Krankheit, für die weltweit die meisten Forschungsgelder ausgegeben werden - richtet sich der Blick ebenfalls auf Eli Lilly, der Konzern könnte mit Ramucirumab bald die Zulassung für ein Mittel gegen Magenkrebs beantragen. Falls das Präparat auch gegen Brustkrebs wirkt, winken Lilly Analysten zufolge Spitzenumsätze von über zwei Milliarden Dollar. Unterdessen will der Marktführer in der Krebsmedizin, der Schweizer Konzern Roche, mit seinem Mittel T-DM1 gegen Brustkrebs seine Position verteidigen. Analysten trauen der Arznei, die in den nächsten Monaten zugelassen werden könnte, bis 2016 Spitzenumsätze von fast einer Milliarde Dollar zu.

Eine der meistversprechenden Medikamenten-Pipelines hat derzeit Großbritanniens Marktführer GlaxoSmithKline: Sechs Stoffe warten auf die Zulassung. Darunter sind Mittel gegen Lungenkrankheiten, Diabetes, Krebs und Aids. Dazu kommen zwei riskante Projekte, die aber bei einem Erfolg Milliardeneinnahmen versprechen. So könnte Darapladib zur Bekämpfung verstopfter Arterien den bislang gebräuchlichen Statinen große Umsätze wegschnappen. Manche Analysten trauen der Arznei, die auf einem neuen Wirkmechanismus beruht, sogar Jahreserlöse im Bereich von zehn Milliarden Dollar oder mehr zu. Ebenso umwälzend könnte der neue Wirkstoff MAGE-A3 sein, der bei Lungenkrebs und Hautkrebs zum Einsatz kommen soll. Für beide Wirkstoffe werden in diesem Jahr entscheidende Daten aus klinischen Studien erwartet.

Das Fazit der Analysten fällt positiv aus: "Die Industrie hat eine Menge getan, um die Produktivität zu verbessern und hat viele Fehler aus der Vergangenheit ausgemerzt", betont Deutsche-Bank-Analyst Richard Parkes. So scheiterten weniger Mittel erst in der letzten und entscheidenden Entwicklungsphase III. Doch ihre Genesung haben die Pharmafirmen nicht allein in der Hand. Die Kostenbremse in vielen Gesundheitssystem bereitet den Konzernen weiterhin Kopfschmerzen.

(APA/Reuters)


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