In Brasilien tobt eine heftige Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern eines der grössten Kraftwerksprojekte aller Zeiten - und dabei geht es nicht um Atomenergie, sondern um das Wasserkraftwerk Belo Monte am Xingu-Fluss, einem Seitenarm des Amazonas. Längst beschäftigt der Streit auch die Gerichte, die den Bau vorläufig gestoppt haben. Einer der engagiertesten Kämpfer gegen das Vorhaben ist der aus
Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler. Doch auch auf der Zuliefererseite gibt es mit
Andritz einen heimischen Akteur.
Wann und wie das Staudamm-Projekt weiter voranschreitet, ist vorerst einmal offen: Die Brasilianische Generalprokuratur der Bundesregierung wehrt sich gegen den Baustopp und hat Einspruch gegen das Urteil des Landesgerichts des Teilstaates Para eingelegt. Dieses hatte die bereits erteilte Genehmigung für den Bau des weltweit drittgrössten Wasserkraftwerkes widerrufen. Die Baustopp-Entscheidung gilt solange, bis Einsprüche gegen das Projekt gerichtlich entschieden oder die Umweltauflagen erfüllt sind.
Mit dem Beschluss kam das Gericht einem Antrag der Staatsanwaltschaft nach, die bemängelt hatte, dass Auflagen nicht erfüllt worden seien. Die Entscheidung wurde als Niederlage für die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff gewertet - die sich wie ihr Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva für den Bau des Wasserkraftwerks einsetzt.
Bischof Erwin Kräutler, der für sein Engagement für die indigene Bevölkerung mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat das gigantische Bauvorhaben wiederholt mit einer "Sintflut" verglichen. 40.000 Menschen, so kritisiert er, müssten umgesiedelt werden. Teilorganisationen der Katholischen Aktion und andere Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen in Österreich haben sich einem Solidaritätsaufruf der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar gegen Belo Monte angeschlossen.
Die Andritz
AG hat die Kritik der Kraftwerksgegner bereits wiederholt zurückgewiesen. Man liefere als Mitglied in einem Konsortium nur einen "kleinen Teil" der Turbinen und Generatoren für das Wasserkraftwerk, wurde versichert. Der Grossteil werde von den europäischen Firmen Alstom und Voith und von IMPSA aus Argentinien geliefert. Andritz sei ausserdem weder Investor noch Projektbetreiber. Alle Anlagen, die man liefere, würden zudem dem jeweils modernsten Stand der Technik entsprechen und alle Umweltauflagen erfüllen.
In Brasilien warnen Kritiker inzwischen aber nicht mehr nur vor massiven Schäden für Umwelt und Bevölkerung. Auch ökonomische Bedenken werden ins Spiel gebracht. "Das Projekt wird längst auch von Technikern kritisiert, die sagen, der Aufwand ist zu hoch, das Kraftwerk zu teuer", berichtete der frühere Finanzminister und prominente Wirtschaftsexperte Rubens Ricupero bei einem Besuch einer Wiener Wirtschaftsmission in Sao Paulo.
"Ich bin total dagegen, das ist ein gefährliches Projekt", versicherte er. Brasilien solle stattdessen versuchen, andere Energiequellen zu erschliessen. Er sprach sich unter anderem dafür aus, die Abfälle aus der Produktion von Ethanol - dem wichtigsten Pkw-Treibstoff in Brasilien - entsprechend zu nutzen.
Das umstrittene Kraftwerk am Xingu soll in der ersten Phase 2015 in Betrieb gehen. Für Bau und Betrieb ist das Konsortium Norte Energia SA verantwortlich. Die Anlage wäre mit einer Leistungskapazität von mehr als 11.000 Megawatt das drittgrösste Wasserkraftwerk der Welt. Laut amtlichen Angaben wird eine Fläche von 500 Quadratkilometern geflutet, 16.000 Menschen sollen umgesiedelt werden. (APA)