BE: Herr Scherf, Sie sind einer der meistgelesenen, fleissigsten, aber auch - aufgrund mancher Wordings - kontroversiellsten Autoren auf be24.at. Sie schreiben unter "scherf.com" in der "wir"-Form. Wer steckt ausser dem Österreicher
Dietmar Scherf noch hinter "scherf.com"?
Dietmar Scherf: scherf.com gehört zur Cascada Corporation deren Inhaber ich bin, und neben meiner Meinung wird dadurch auch die Meinung der Cascada Corporation vertreten, die unter anderem in gewisser Form auch im Meinungsbildungsbusiness tätig ist, und deshalb das "königliche" wir.
Meine Beiträge und Meinungen auf be24.at und auch in anderen Medien sind im Prinzip für mich selbst oft Selbstgespräche, wobei meine Standpunkte und Überzeugungen durch Veröffentlichung bestätigt und verstärkt werden. Dadurch wird auch eine Accountability geschaffen, da alles was im Internet geschrieben wird praktisch verewigt ist. Zugleich betrachte ich meine Beiträge als Tagebuch, das ich dann im Nachhinein begutachten kann, um zu sehen, ob meine Einschätzungen zu einer
Aktie, dem Markt, usw. richtig oder falsch waren. Also reiner Selbstzweck, obwohl durch die gegebene Transparenz und Substanz klarerweise auch Leser davon profitieren können.
Kontroversiell sind die Aussagen nur deshalb, da ich eigentlich laufend extensive Recherchen mache (d.h. ich studiere dieses und jenes Thema ausführlich inklusive dem Input anderer Stimmen bevor ich meine Meinung bilde und die Schlussfolgerung dazu publiziere) um so die absolute Objektivität zu einem Thema auszuarbeiten. Klarerweise erregen meine Aussagen die eben auch meine Überzeugungen aufgrund der jeweiligen extensiven Recherchen reflektieren, dann oft viel Emotionen, da eben die Objektivität zu einem Thema nur sehr selten den allgemeinen Standpunkten entspricht. Aber es ist sehr gut, Dinge durchzudenken und der Sache auf den Grund zu gehen, denn im Investmentbusiness bzw. an der
Börse hat man nur eine Chance jahrzehntelang Geld zu verdienen und somit erfolgreich zu sein, wenn man praktisch emotionslos den Kern einer Sache findet, sowie die Vogelperspektive beansprucht um das objektivste Gesamtbild zu betrachten und all dieses zur Investmententscheidung heranzieht.
Es gibt so viel Noise und gerade im Investmentbusiness werden laufend Selbstinteressen von den sogenannten "Experten",
Banken und Marktteilnehmern zum Ausdruck gebracht, sodass man wirklich jeder Meinung bzw. z.B. Aktienempfehlung, usw. auf den Grund gehen muss wenn man eben objektive und somit gewinnbringende Investmententscheidungen treffen will. Und dabei steigt man vielen Leuten auf die Füsse, da eben deren Selbstinteressen meist indirekt offengelegt werden wenn z.B. die Objektivität und betreffende Transparenz definiert und publiziert wird. Und so werde ich oft als kontroversieller Autor gesehen, doch wer ehrlich ist und Transparenz und Objektivität sucht, der wird meine Aussagen bzw. Beiträge schätzen und kann eben davon profitieren. Und man sieht dies auch, da eben meine Beiträge zu den meistgelesensten Beiträgen auf
http://www.be24.at zählen.
BE: Und warum ist ein Österreicher in die Staaten gegangen?
D
.S.: Die
USA haben mich schon als Kind immer interessiert, ... oft aufgrund diverser Filme aus den USA. Und als ich mit meiner Familie dann im Jahr 1990 aus
Österreich in die USA auswanderte, wollten wir eigentlich ursprünglich nur ein paar Jahre in den USA bleiben. Aber je länger man in den USA ist desto mehr versteht man auch den riesigen philosophischen Unterschied im Lifestyle, der Einstellung, usw. zwischen Europa und den USA. Die persönliche Freiheit die einer Person in den USA gewährt wird, ist einfach für Österreicher nur sehr schwer zu verstehen. Und wenn man diese persönliche Freiheit nicht kennt, da sie eben in Österreich bzw. Europa eigentlich nicht in diesem Ausmass zur Verfügung steht, dann kann man sich das eben nicht wirklich vorstellen wie toll und welcher Segen diese Freiheit ist. Man will dann einfach nicht mehr zurück und sich einschränken lassen.
Damals im Jahr 1990 war es auch so, dass die
Wiener Börse ihren gigantischen Run hatte und alles, was für uns zu verdienen war, verdient wurde. Meiner Meinung nach standen die USA damals vor einer langjährigen
Hausse, da sich die Börsen gerade vom 1987er Crash langsam erholten und viele
Aktien meiner Meinung nach in den USA damals spottbillig waren. Und wie viele Leser wissen, interessierte uns vor allem Dell Computer die wir laufend in unserem damaligen Newsletter empfohlen haben (diese Aktie stieg vom Herbst 1990 bis 1998 um fast 100.000% im
Kurs, d.h. diejenigen die das Papier gehalten haben, konnten von jedem investierten Tausender innerhalb von 8 Jahren eine satte Million verdienen).
Ein weiterer Faktor zur Auswanderung in die USA war auch das Preisverhältnis und das Angebot in den USA, indem einfach die USA viel, viel billiger waren als Österreich und ein wesentlich grösseres Angebot offerierten. Sei es beim Kauf eines Hauses, oder eines Autos, oder z.B. bei der Eröffnung eines Büros mit Angestellten und den Büromaschinen, oder einfach die monatlichen Lebenskosten. Und auch die Bürokratie in den USA war damals minimal, insbesondere eben in geschäftlichen Dingen und natürlich gab es auch enorme Steuervorteile, die es übrigens heutzutage grossteils noch immer gibt. Wie erwartet könnte ich hier eine ganze Liste von Vergleichen aufzählen wozu allerdings der Platz fehlt.
BE: Sie widmen viel Zeit dem Beobachten der Märkte, natürlich mit leichtem Heimatmarkt-Blick, nehme ich mal an. Wie wird der Finanzplatz
Wien in den Staaten aktuell wahrgenommen?
D.S.: Das Beobachten der Märkte ist mein Job und ich muss dies jeden Tag für zumindest ca. 10 Stunden machen um eben in den Märkten laufend erfolgreich zu sein. Hinsichtlich dem Wiener Finanzplatz ist es leider so, dass der Wiener Finanzplatz kaum in den USA erwähnt wird. In letzter Zeit wurden wegen der Ungarnkrise mehrmals in den U.S. Medien Bemerkungen zu den österr. Banken und deren
Exposure als grösster
Gläubiger zu den Ungarnkrediten gemacht. Doch insgesamt betrachtet kann man sagen, dass der Finanzplatz Österreich bzw. Wien ziemlich unbekannt ist bzw. einfach ignoriert wird. Das ist schade, da es so viel Potential geben würde, doch dazu müsste Österreich einfach Business-friendly werden und die aufwendige Bürokratie abschaffen, da derzeit nach wie vor das Unternehmertum in Österreich durch so viele unnötige Gesetze und Vorschriften (Ladenschlussgesetz, Arbeitnehmergesetz, Wettbewerbsgesetz, usw.) behindert wird. Nach wie vor fehlt auch in der breiten Bevölkerung die Kenntnis und die Education in Sachen Börse und prozentuell gibt es nur sehr wenige Leute die sich in Österreich als
Aktionäre engagieren. Der Börse Express und be24.at tragen jedoch sehr viel dazu bei um eben die Themen Börse und Aktien den Bürgern näher zu bringen, ... was übrigens auch ein Grund dafür ist, warum ich meine Beiträge auf be24.at publiziere.
BE: Und als Investment? Kommen da österreichische Aktien für Sie auch in Frage? (haben Sie aktuelle Favoriten in Wien - aus dem Bauch raus?)
D.S.: Nein, Österreich kommt für uns als Investment mit z.B. einzelnen Aktien nicht in Frage. Die Ausnahme wäre vielleicht unter Umständen der Österreich
ETF (Exchange Traded Fund) namens EWO, aber bei diesem besteht oft nur geringes Handelsvolumen und wir sind hauptsächlich auf gehebelte ETFs spezialisiert was der EWO nicht ist. Im Laufe der Zeit werden wahrscheinlich mehrere ETFs auch auf Österreich emittiert werden, wie z.B. uns würde ein Bausektor ETF auf Österreich interessieren, sowie z.B. auch ein Finanz ETF obwohl der EWO bereits sehr viele österr. Finanzwerte beinhaltet. Wie erwähnt, wären eben gehebelte ETFs interessant um so als
Trader mehr Chancen zu nützen. Favoriten in Wien kann ich keine nennen, da ich den österr. Markt heutzutage einfach zu wenig beobachte bzw. keine der
Unternehmen in letzter Zeit dort analysiert habe. Einzig interessant schien uns bwin nachdem das Papier die massive Korrektur hatte und wir den betreffenden Sektor laufend beobachten und recherchieren. Die bwin Aktie konnte seit der Korrektur auch kräftig zulegen, aber bwin ist jetzt eben in der Mergerphase und somit hinfällig.
BE: Sie sind Trader. Wie kann man sich da den Tagesablauf vorstellen?
D.S.: Wir sind in Las Vegas und daher zeitmässig auf der West Coast, d.h. wegen dem 3-Stunden Zeitunterschied zu New York, muss ich kurz nach 4 Uhr in der Früh aufstehen. Nach einem schnellen Shower geht es mit ein paar Minuten Besinnung (Medidation) los. Danach werden die E-mails kurz durchgesehen, der TV mit CNBC aufgedreht, sowie die Weltmärkte und die U.S.
Futures und News durchgecheckt. Ab 5 Uhr in der Früh unserer Zeit beginnt die Vorbörse, sowie meist gegen 5:30 Uhr unserer Zeit gibt es die ersten wirtschaftlichen Daten wie z.B. Arbeitslosenrate, usw. Zwischendurch nehme ich mein Frühstück zu mir, was meist aus einem Kiwi und einer Schale Cheerios mit fettarmer Milch besteht. Weiters lese ich bis Börsebeginn (um ca. 6:30 Uhr unserer Zeit) eben kurz Blogs, Infos, News, usw. um eben das Marktsentiment einzuschätzen und Meinungen zu potentiellen Trades zu analysieren. Dabei schreibe ich dann meist meine eigenen Überlegungen auf Blogs oder dgl. um eben meine Gedanken zu möglichen Trades bzw. zu entsprechenden Themen zu koordinieren.
Ab 6:30 Uhr gibt es nur noch
Trading bis ca. 13 Uhr unserer Zeit wenn dann die Börsen in New York schliessen. Zwischendurch recherchiert man natürlich laufend und verarbeitet geistig die News die laufend über die Bildschirme kommen, sowie diverse Infos und Meinungen zum Marktgeschehen und zu den potentiellen Trades.
Zwischen 13-14 Uhr gibt es Lunch und um 14 Uhr gibt es noch eine TV Show auf CNBC für
Marktteilnehmer die "Fast Money" heisst und die ist oft interessant. Manchmal ergibt sich hier noch ein nachbörslicher Trade, insbesondere wenn die Earnings Season ist.
Um ca. 15:15 Uhr raste ich mich meist für eine Stunde oder so aus. Dann ab ca. 17 Uhr geht es weiter mit Meetings oder eben anderen geschäftlichen Belangen. Zwischen 20-21 Uhr bleibt dann Zeit sich für eine Stunde zum Entspannen (irgendeine TV Show ... meist eine Komödie oder dgl.) und spätestens um 22-23 Uhr geht's auf ins Bett. Davor schaut man sich nochmals die Weltmärkte an und die Futures und sucht ob es irgendeine wichtige Information für den nächsten Börsentag gibt. Übrigens, das Wochenende (ab Freitag ca. 13:30 Uhr) ist meist absolute Freizeit und meine Frau und ich besuchen dann öfters unsere Kinder und Enkelkinder, oder wir tätigen Einkäufe oder kurze Ausflüge und dgl. An Samstagen finden öfters auch Meetings statt, insbesondere wenn Klienten oder Freunde in Las Vegas vorbeischauen.
BE: Welche Underlyings traden Sie am liebsten?
D.S.: Wir traden vor allem leveraged ETFs, meist die 3x Direxion ETFs, und dabei meist die Long ETFs bzw. je nach Marktsituation auch die Short ETFs zum hedgen. Im Jahr 2009 waren wir hauptsächlich im Finanzsektor via dieser ETFs wie z.B. dem FAS engagiert, und heuer sind wir vor allem im Immobiliensektor via z.B. DRN engagiert. Wir traden jedoch immer wieder auch Erdöl vor allem wenn der Ölpreis übertrieben hoch ist via z.B. dem DTO als eine Öl-Shortspekulation. Nebenbei traden wir vor allem den Russell 2000 Small
Cap via z.B. dem TNA und hin und wieder den
Nasdaq via TQQQ. Derzeit beobachten wir auch den Semi-Conductor Sektor wobei wir insbesondere am SOXL interessiert sind, sowie derzeit auch hinsichtlich Treasuries interessiert uns diese zu shorten was man via dem Short-ETF namens TMV machen kann.
BE: Abschliessend: 1 Mio. Dollar auf drei Jahre veranlagt. In welche Asset- Klassen bzw. Märkte würden Sie unter der Prämisse, dass das
Portfolio zwar nicht laufend beobachtet werden kann, aber durchaus dynamische Aspekte beinhalten dar, investieren?
D.S.: Da gibt es nur eine Antwort für mich: U.S.
Immobilien. Diese sind spottbillig und es entspricht meiner Meinung, dass es zu einem Immobilienengpass und damit rapide steigenden Immobilienpreisen in den USA in den kommenden Jahren kommen wird, .... wobei diese Phase dann wieder in einem Bubble enden wird. Für konservative
Anleger würde daher der IYR (ein Immobilien ETF) interessant sein, bzw. wer mehr Action/Spekulation will und somit mehr potentielles ROI ermöglicht wird, sollte unbedingt den DRN in Erwägung ziehen (der DRN ist zwar ein gehebelter Daytrader ETF, doch aufgrund meiner Erwartungen im U.S. Immobilienmarkt kann man diesen ETF wahrscheinlich auch einfach ins Portfolio legen und zusehen wie dieser im Laufe der Zeit mit viel
Volatilität nach und nach steigt). Dennoch sollte man meiner Meinung nach ein Portfolio laufend beobachten, um auch in einem passiven Portfolio z.B. die extreme Spikes bzw. das momentane Top in Uptrends für Gewinnmitnahmen auszunützen. Nichts geht kerzengerade nach oben und daher muss man zwischendurch mit Volatilität rechnen. Das Kurspotential im DRN vom jetzigen Kurzniveau liegt unserer Meinung bei ca. 300-400% im Laufe der kommenden 3-5 Jahre.
WORDRAP: Was wird bis Jahresende eher steigen oder fallen, Herr Scherf?
Dow: Steigen
Nasdaq: Steigen
DAX: Wahrscheinlich leicht steigend, ... habe jedoch kaum Info/Ahnung zum DAX, da er für uns uninteressant ist;
ATX: Keine Ahnung, ... es gibt zu viele Unsicherheiten, aber sollte sich generell irgendwie nach dem DAX richten;
Nikkei: eher gleichbleibend
Gold: vorerst bis ca. Nov. leicht steigend, aber Vorsicht ist angebracht, wir befinden uns in einer Goldblase und eine massive Korrektur nach der 9-jährigen Goldhausse ist jederzeit möglich;
EUR/USD:
Euro fallend; USD steigend
Öl: Range bound, d.h. traded alle paar Wochen zwischen ca. USD 70,- und USD 85,-
Langlaufende Bonds: Fallend, ... wir befinden uns in einem Bond Bubble.