Mehrheitlich positive Unternehmenszahlen auf der einen und schwache Frühindikatoren auf der anderen Seite sind derzeit wie Sonne und Regen für die Aktienmärkte, die sich in diesem Spannungsfeld bewegen. Welche Impulse letztendlich im laufenden dritten Quartal den grösseren Einfluss haben werden, wollten wir von den BE 100 - das ist das Expertenforum des BE - in der aktuellen Umfrage wissen.
Rund 48 Prozent sind der Meinung, dass die positiven Unternehmensberichte zum zweiten Quartal der wichtigste Faktor sind und ein sich verbesserndes
Momentum zur Folge haben. 26 Prozent sehen die rückläufigen Frühindikatoren als dominierenden Faktor, der sich als negativ für die Kursentwicklung erweist bzw. erwarten, dass sich die Einflüsse die Waage halten.
"Wir erwarten eine Seitwärtsbewegung im 3. Quartal mit mehr Risiko nach unten als nach oben", meint Anlage-Experte
Andreas Wölfl von Minerva Investments. "Deutlich negative Impulse könnten nur die Verschärfung der Schuldenkrise - z. B.
Griechenland hält die Auflagen des IWF nicht ein - oder ein Einbruch in China mit nachfolgender Schockwelle an den internationalen Finanzmärkte haben." Ein anderes BE100-Mitglied meint: "Die Aktienanalysten werden ihre hohen 2011er Prognosen reduzieren müssen, und im Q3 werden dann wohl vorsichtige 2012er-Schätzungen eintreffen."
Bankaktien im Gleichklang
Im Vorfeld der Veröffentlichung der
Banken-Stresstests gab es am Markt die Hoffnung, dass die Bankaktien nachfolgend eine ähnlich starke Outperformance schaffen wie die Banktitel in den
USA nach der Publikation der Testergebnisse im Vorjahr. Die BE100-Experten sehen das mehrheitlich aber nicht so. Auf Sicht der nächsten drei Monate erwarten 53% eine
Performance im Gleichklang mit dem Markt. 26% prognostizieren eine Outperformance der Bankaktien, 2% eine Underperformance gegenüber dem breiten Markt.
"Grundsätzlich macht der ganze Banken
-Stresstest viel zu sehr den Eindruck einer gezielten Marketing-Aktion, mit der die Öffentlichkeit beschwichtigt werden soll. Und wo bleibt der Stresstest für die wahren Wackelkandidaten wie HGAA oder ÖVAG?", fragt
Andreas Dolezal von Schiketanz Capital Advisors in diesem Zusammenhang.
Andreas Wölfl ergänzt: "Die Banken stecken in einem Dilemma. Sofern sich die Situation nicht verbessert, gibt es keinen Grund, Bankaktien zu kaufen. Stellt sich eine Verbesserung ein, wird der Mehrwert durch Bankensteuer-Ideen und sonstige Begierden der Finanzminister ruiniert. Wir sehen auf lange Sicht keine Notwendigkeit für ein Investment in europäische Bankaktien." Ein anderer BE100-Experte führt an, dass die Banken zwar nun transparenter sind. Negativ sei allerdings, dass die Kriterien nicht 100%ig vergleich-bar und "wasserdicht" seien.
Neue Steuern oder nicht?
Das dritte Thema der Juli-Umfrage war möglichen Steuererhöhungen gewidmet: "Die österreichische Regierung wird ihr Sparbudget für 2011 erst nach den Landtagswahlen vorlegen. Falls für die Staatssanierung
Steuern erhöht werden sollten, wofür sprechen Sie sich aus?" Die satte Mehrheit - nämlich 58% - sieht generell keine Notwendigkeit für höhere Steuern. 21% können sich eine Erhöhung der Einkommenssteuer-Spitzensätze bzw. die Einführung von Vermögenssteuern vorstellen. Ebenfalls 21% halten eine Anhebung von Verbrauchssteuern (etwa die MWSt oder im Umwelt-Bereich) für sinnvoll.
"Die Attraktivität des Standorts
Österreich, sowohl für
Unternehmen als auch für Führungskräfte, langfristig aufrechtzuerhalten bzw. noch weiter zu stärken, verbietet von vornherein jede Diskussion um so genannte Reichensteuern oder z. B. die Abschaffung der Gruppenbesteuerung, wobei eben leider schon die Diskussion darüber schädlich ist", meint
Thomas Wilhelm, Partner
Ernst &
Young und Leiter Asset Management Tax. "Eine Ausweitung der Besteuerung von Kapitalerträgen würde darüber hinaus auch die private Pensionsvorsorge belasten. Am ehesten wäre vermutlich die schon so oft bemühte Finanztransaktionssteuer als neue Einnahmequelle geeignet, wiewohl sich auch in diesem Fall Gegenargumente vorbringen lassen. Am Ende des Tages wird die Regierung jedoch vermutlich den leichtesten Weg gehen, der in einer Anhebung von Verbrauchssteuern besteht."
Ein anderer BE100-Experte: "Eine Sanierung muss ausgabenseitig erfolgen; wenn Steuern erhöht werden, dann für die Umwelt oder etwas Vergleichbares, nicht die MWSt." Weitere Kommentare lauten: "So leid es mir tut (und es betrifft mich selbst), wenn es um rasche Sanierung geht, müssen die Vermögenden einmal einen höheren Beitrag leisten. Zu beachten ist nur, dass bei uns der Spitzensteuersatz schon sehr tief beginnt und rund 15% der Erwerbstätigen gar keine Lohn- bzw. Einkommensteuer bezahlen. Das ist extrem unsinnig." Und: "Die Politiker haben den Begriff des Sparens nicht verstanden. Sparen bedeutet nicht, mehr Abgaben von den Bürgern oder Unternehmen zu verlangen, sondern in den eigenen Reihen zu sparen."
Details zu den BE100 finden Sie unter
http://www.boerse-express.com/be100