"Bologna hat Entwicklungspotenziale, wenn man nur will", betonte Michael Landertshammer, Leiter der Abteilung für Bildungspolitik der Wirtschaftskammer, angesichts des zehnjährigen Jubiläums des Bologna-Prozesses zur Errichtung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes, das seit gestern Thema einer Konferenz von 46 europäischen Bildungsminister in
Wien und Budapest ist. "Zehn Jahre nach dem Start ist es an der Zeit, den Bologna-Prozess mit neuem Leben zu erfüllen." Richtig sei, dass die Umstellung auf die neue Studienarchitektur nicht immer und überall geglückt ist - etwa, indem Bachelor- und Masterstudien zu einem Zeitpunkt eingeführt wurden, als viele Studienkommissionen bei ihren Studienplanüberarbeitungen schon "in der Zielgraden" waren. "Doch es hilft uns nicht weiter, wenn sich die Hochschulen und das Wissenschaftsministerium nun wechselseitig die Schuld zuschreiben", so Landertshammer.
Die Erwartungen der
Wirtschaft gerade was den berufsqualifizierenden Erstabschluss Bachelor anlangt seien nach wie vor sehr groß.
Österreich habe hier schon beim Start des Bologna-Prozesses im Vergleich zu anderen Ländern Aufholbedarf gehabt, weshalb das Umdenken jetzt mitunter noch schwer falle. "Während andere europäische Länder wie die
Niederlande oder
Irland längst schon die höhere Berufsbildung auf tertiärem Niveau eingeführt hatten, waren wir vor zehn Jahren gerade erst über die ersten Gehversuche des Fachhochschulwesens hinausgekommen", so der WKÖ-Bildungsexperte.
"Eine Erhöhung der Akademiker-Quote durch ein simples Mehr vom Gleichen wird weder dem Bedarf der Wirtschaft noch den Interessen der Studierenden gerecht", betont Landertshammer. "Etwa drei Viertel aller Studierenden verbinden mit dem Studienabschluss die Absicht, facheinschlägig berufstätig zu werden und das geht praktisch nur in Abstimmung mit den Erfordernissen des Arbeitsmarktes." An der Notwendigkeit, Studienplatzkapazitäten festzulegen, führt daher aus Sicht der Wirtschaftskammer kein Weg vorbei. Die Ansätze der neuen Ministerin seien hier "sehr positiv". Landertshammer:
"Beatrix Karl bekommt hier von uns die volle politische Unterstützung, denn es ist bezeichnend, dass an den wissenschaftlichen Universitäten die Dinge genau dort aus dem Ruder laufen, wo die Institute gezwungen sind, jeden Studieninteressenten zuzulassen."
Bei Studien, denen reale berufliche Bezüge fehlen, die arbeitsmarktpolitisch eher als sozial akzeptierte Alternative zur Arbeitslosigkeit gelten bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit in prekäre Beschäftigungsverhältnisse führen, solle die Rolle im Hochschulwesen neu bestimmt und ihre Kapazitäten redimensioniert werden. Gleichzeitig plädiert Landertshammer dafür, Bildungsangebote der Hochschulen mit klaren Bezügen zu den wirtschaftlichen, technischen und handwerklichen Berufsqualifizierungen der Sekundarstufe II auszuweiten. Genau das müsse auch die Stoßrichtung bei der Neubelebung des Bologna-Prozesses sein. "Wir brauchen zusätzliche, innovative Studienangebote mit realem Berufsbezug - genau so, wie wir sie bislang fast nur aus ausländischen Hochschulsystemen kennen", meint Landertshammer.