Die
EU-Staaten haben dieser Tage erneut bekräftigt,
Griechenland nicht allein zu lassen. "Wir müssen Solidarität in der Europäischen Union haben", sagte Komissionspräsident Jose Manuel Barroso. Zudem werde an einem Notfallplan gearbeitet.
Wenn es nach den BE100, dem Expertenforum des
Börse Express geht, dann wird es bei den politischen Unterstützungserklärungen für Griechenland bzw. für weitere mögliche Wackelkandidaten des "Club Med"
(Portugal,
Italien,
Spanien) allein nicht bleiben können. 78% der Befragten sind der Meinung, dass die Währungsunion die aktuelle Probe meistern wird, allerdings zu erheblichen Kosten. Die Länder des Nordens werden schlussendlich für die Schulden des Südens einstehen müssen. Anderes wäre angesichts der Konsequenzen für den Finanzsektor nicht denkbar.
Lediglich 9% glauben, dass die bislang erfolgten politischen Unterstützungserklärungen ausreichend sind. Und 13% antworten auf die Frage, wie sie die Zukunft der Währungsunion beurteilen: "Ich sehe die Zukunft in einer starken Kernregion der Euroländer. Schwächere Mitglieder werden über kurz oder lang ausscheiden bzw. man muss sich ein Prozedere dafür überlegen".
Was ist innenpolitische vertretbar?
"Letztendlich läuft es auf eine Frage hinaus. Was ist innenpolitisch für
Deutschland und Co leichter vertretbar? Griechenland zu unterstützen oder einen Default von Griechenland zuzulassen und daraufhin einmal mehr die heimischen
Banken zu stützen, da diese hohe Bestände an Griechenland-Staatsanleihen haben", zeigt Fondsmanager
Alois Wögerbauer das Dilemma auf.
Michael Dvorak, IR-Chef von
S&T: "Es war von vornherein klar, dass manche Länder weniger stabil sind als andere. Dass das nun dermassen aufkocht, beinhaltet viel wirtschaftlichen Populismus. Ich denke nicht, dass Griechenland den
Euro sprengt, die Anstrengungen v. a. in Spanien sind aber gewaltig. Man müsste klar kommunizieren, dass es nicht um Wegnehmen, sondern um eine massgebliche Reduktion überzogener Ausgaben geht." René Berger von nextmarch: "Ob wir es wollen oder nicht, die EU ist durch den Euro auch zu einer Solidargemeinschaft geworden, in der reiche Länder ärmere in manchen Bereichen auch über die Strukturfonds hinaus mitfinanzieren müssen. Das war zu erwarten, und es ist eine, zweifellos undankbare und schwierige politische Aufgabe, diese Situationen entsprechend zu argumentieren".
Heinrich Traumüller vom Büro des Kapitalmarktbeauftragten kommentiert den Entscheidungsprozess folgendermassen: "Das Beispiel Griechenland zeigt wieder einmal: Ein geordnetes Insolvenzverfahren für Staaten wäre aus Sicht des Kapitalmarkts sinnvoll und wünschenswert. In Fällen wie Argentinien und Island hätte man dadurch einiges an Panik auf den Finanzmärkten vermieden. Die grosse Frage ist aber, wie sich die notwendigen Massnahmen im Konkursfall gegenüber souveränen Staaten durch ausreichend starke supranationale Institutionen durchsetzen lassen."
Roland Mayrl von Metrum Communications ergänzt: "Wenn man die EU vor allem auch als politisches Modell versteht, können wir uns ein Scheitern nicht leisten - auch wenn es uns in Geld viel kostet. Wir müssen aber auf den Weg zurück finden, wo Fehlverhalten auch Konsequenzen hat."
Schwacher Euro begrüssenswert?
Durch das gestiegene Sovereign Risk in der EU hat der Euro deutlich eingebüsst. Lediglich 28% der BE100 begrüssen allerdings den schwächeren Euro aus Unternehmenssicht. 31% sehen keine Auswirkungen, 41% begrüssen ein schwächere europäische Leitwährung definitiv nicht.
Zu letzteren zählt Investor
Wolfgang Matejka: "Schwache
Währungen stützen nur kurzfristig und machen
Unternehmen nachweislich träge. Der permanente Wettbewerb auf Produktebene hingegen fördert Qualität und Innovationskraft. Dies sind die beiden Parameter, die nachhaltiges Wachstum unterstützen und somit auch den Gegenwind einer festen
Währung ohne
Schaden überstehen." Fondsmanager Wögerbauer zeigt sich zudem von einer "einseitigen medialen Berichterstattung" überrascht. "Ich wäre geneigt zu sagen: Der Euro ist schwach - na und? Viele Weltregionen wünschen sich eine schwache Währung, weil es dem Export hilft. Natürlich hat alles zwei Seiten. Die
Rohstoffe werden teurer. Aber wichtig ist: Kein Grund zur Dramatisierung, wenn der Euro mal schwächer wird."
Ein Ende des billigen Geldes
Während der Grossteil der Volkswirte noch im vierten Quartal mit einem Beginn von Zinsanhebungen durch die
EZB rechnet, erwarten nur 41% der BE100, dass es noch heuer zu Leitzinserhöhungen im Euroraum kommt. 59% hingegen sehen dies erst für 2011. (bs)
Details zu den BE100 finden Sie unter
http://www.boerse-express.com/be100