Der Surrealismus entstand in der Nachfolge von Dada um 1920 in Paris. Ziel war es, das Unwirkliche und Traumhafte sowie die Tiefen des Unbewussten auszuloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde zu erweitern. Etwas, das als surreal bezeichnet wird, wirkt traumhaft im Sinne von unwirklich. Die vom französischen Schriftsteller und Kritiker André Breton seit 1921 in Paris geführte surrealistische Bewegung suchte die eigene Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten und verwertete Rausch- und Traumerlebnisse als
Quelle der künstlerischen Eingebung und sie bemühte sich darum, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen.
Die Bezeichnung "Surrealismus" geht auf Guillaume Apollinaire zurück, dessen Theaterstück Les Mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias) den Untertitel "ein surrealistisches Drama" trägt und im Juni 1917 uraufgeführt wurde. Ausgehend von der dadaistischen Bewegung in Paris stellte auch der Surrealismus eine aufrührerische Kunstbewegung dar, die gegen die unglaubwürdigen Werte der Bourgeoisie antrat, im Gegensatz zum negativ-destruktivistischen Dadaismus jedoch eine konstruktivere Sicht der Dinge propagierte. Beeinflusst vom Symbolismus, Expressionismus, Futurismus, den Schriften Lautréamonts, Alfred Jarrys und den Forschungen Sigmund Freuds stellt der Surrealismus eine nichtrationale und die Gefühle betonende Welt des Traums in den Vordergrund, lehnt jedoch logisch-rationale "bürgerliche" Kunstauffassungen radikal und provokativ ab. Der Surrealismus verbreitete die Befreiung der "Wörter" und eine Ästhetik der "kühnen Metapher".
Im vorliegenden neuen Standardwerk (Belser Verlag) wird der Surrealismus nicht einfach als Stil, sondern als Lebensgefühl verstanden, das der rationalistischen Weltsicht eine aus den Träumen und dem Unbewussten freigesetzte magisch-poetische Wirklichkeit entgegenstellt. Neben Paris als Hauptzentrum der surrealistischen Bewegung steht erstmals in Westeuropa der tschechische Surrealismus im Mittelpunkt. Denn von Prag als einem der vitalsten Kunstzentren gingen bis in die 1960er Jahre entscheidende Impulse aus. Der Bildband gibt einen faszinierenden Einblick in den regen künstlerischen Austausch der beiden Kunstmetropolen, wobei Malerei und Fotografie als gleichwertige künstlerische Ausdrucksformen des Surrealismus dargestellt werden. Mit Werken u. a. von Leonora Carrington, Salvador Dalí, Max
Ernst, Dora Maar, René Magritte, Meret Oppenheim, Man Ray, Jindrich Styrsky, Yves Tanguy, Karel Teige, Toyen.
Barbara Auer/Reinhard Spieler (Hrsg.)
"Gegen jede Vernunft"
Surrealismus Paris-Prag
Belser Verlag, 2009, 359 Seiten, ISBN: 978-3-7630-2537-4
29,90
Euro