Börse Express: Herr Wolf, wenn man über "twitternde Journalisten" spricht, fällt im gleichen Atemzug Ihr Name. Stolz?
Armin Wolf: Ja, doch. Immerhin habe ich - obwohl ich nur über
Österreich-Themen schreibe - mehr Menschen, die mitlesen, als die meisten Twitterer in
Deutschland mit einem potenziell zehn Mal so grossen Publikum.
BE: Wieviel Zeit verbringen Sie am Tag "twitternd"?
Wolf: Zwischen einer Dreiviertelstunde und einer Stunde, allerdings in vielen kleinen Portionen. Oft schreibe ich nur schnell einen Gedanken weg, dann verbringe ich wieder 20 Minuten am Stück mit dem Beantworten von Anfragen.
BE: Als Leser Ihrer Twitter-Feeds hat man den Eindruck, dass Sie oft kurzfristig wirklich etwas bewirken können, quasi eine neue Art der Recherche gefunden haben.
Wolf: Für mich ist es vor allem ein ganz neuer Weg, sehr schnell und unmittelbar Anregungen und Reaktionen für die Sendung zu bekommen. Es ist einigermassen zeitaufwändig, aber ausserordentlich interessant. Und der direkte Austausch mit dem Publikum ist für einen Fernseh-Journalisten, der normalerweise in eine tote Kamera hineinspricht, auch eine neue, sehr spannende Erfahrung.
BE: Wie hat Twitter Ihre tägliche Arbeit, bzw. sogar die ZiB2, verändert?
Wolf: Meine Arbeit wurde dadurch, ehrlich gesagt, stressiger, da ich nicht nur einmal am Tag was twittern möchte, sondern regelmässig während der gesamten Vorbereitung der Sendung, danach und mitunter auch während der Sendung aus dem Studio. Für die ZiB2 habe ich so etliche sehr brauchbare Hinweise bekommen und auch die eine oder andere konkrete
Hilfe bei Recherchen. 6300 Menschen geben schon durchaus etwas für "crowd sourcing" her.
BE: Viele
Unternehmen überlegen, ob sie twittern sollen. Was meinen Sie? Bringt das den grossen Unternehmen etwas?
Wolf: Ich finde es spannender, wenn reale Menschen twittern und nicht Organisationen. Obwohl ich es andererseits auch wieder nützlich und zeitsparend finde, wenn mich z.B. diverse Online-Dienste, die ich gerne lese, via Twitter auf neue Stories hinweisen. Wer es schafft, den "richtigen Ton" auf Twitter zu treffen, erreicht so schon ein Publikum, das mit traditionellen Medien vielleicht nicht mehr so viel anfängt. Aber: Was ist schon der "richtige Ton" in einem Medium, das bei uns erst entsteht? Alles noch trial and error ...
BE: Sie berichten täglich über die "Krise". Wie sehen Sie selbst die Situation in Österreich?
Wolf:
Ernst, aber nicht hoffnungslos. Für Menschen, die ihren Job verlieren, ist das natürlich unglaublich dramatisch und oft existenzbedrohend, und dagegen muss man auch möglichst viel unternehmen. Insgesamt wird es das viertreichste Land Europas aber mutmasslich überleben, wenn es 2009 um 4 Prozent weniger produziert als 2008. Da gibt es doch Länder und Menschen, die es sehr viel schlimmer trifft.
BE: Es gibt viele, die sich mehr Börsenberichterstattung im ORF wünschen. Ich gehöre dazu. Ist da etwas in Planung?
Wolf: Da fragen sie mich zu viel, dafür bin ich nicht zuständig. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass Aktienbesitzer bei uns nach wie vor eine winzige Minderheit der Gesamtbevölkerung sind, und Börsenberichterstattung - ausser bei wichtigen aktuellen Anlässen - einen Grossteil des Publikums praktisch nicht interessiert. Spezialthemen sind in einem Massenmedium wie öffentlich-rechtlichem Fernsehen immer ein Problem, ausser sie machen das auf Spartenkanälen.
BE: Können Sie sich vorstellen, ein wöchentlichen Geldanlageformat im ORF zu hosten? Täte das Spass machen?
Wolf: Das wäre wohl nicht meine Kernkompetenz. Ich bin sozusagen gelernter politischer Journalist. Ich habe Politik studiert, war Aussenpolitik-Redakteur,
USA-Korrespondent und dann Innenpolitiker. Davon verstehe ich doch deutlich mehr. Ich mache allerdings zur Zeit nebenberuflich einen MBA und finde das doch hochspannend.
BE: Eine private Abschlussfrage: Wie veranlagt Armin Wolf ?
Wolf: Ich bin der langweiligste
Anleger, den Sie sich mit aller Fantasie ausmalen können: Bundesschätze, Sparbuch, ein paar Pfandbriefe und 225 Nokia
-Aktien, die ich vor zig Jahren bei 44 bzw. 33
Euro gekauft habe und die derzeit bei ca. 10 Euro stehen. Seither sind meine Börsenabenteuer vorbei und ich warte nur noch die nächsten 20 Jahre, bis ich aus den Nokia-Papieren wieder verlustfrei rauskomme. Zumindest finanzieren die
Dividenden bisher die Depotkosten. Die Bundesschätze haben da einen enormen Vorteil: Sie werden kaum mehr, aber ganz sicher auch nicht weniger.
Interview:
Christian Drastil
Hinweis: Armin Wolf ist Part des BE-Projekts ATtwiX. Schauen Sie rein:
http://www.boerse-express.com/attwix
ATtwiX-Facts:
http://www.be24.at/blog/entry...