Börse Express: Nach der sanften Frühjahrsrallye sind die Märkte wieder etwas ins Stottern gekommen. Ist das schon die typische Sommerflaute, oder haben wir derzeit eine gänzlich andere Situation als sonst zu dieser Jahreszeit?
Monika Rosen: Ich würde sagen, die
Marktteilnehmer warten derzeit ab, ob die Fundamentaldaten die "Vorschusslorbeeren" der Rally bestätigen. Fundamental ist die Lage noch nicht so stark verbessert, und da setzt meiner Meinung nach langsam etwas Skepsis ein. Völlig zu recht, wie ich finde.
BE: Hat sich das tonangebende Gewicht der US-Kapitalmärkte durch die
Finanzkrise geändert, oder ist alles beim Alten geblieben?
Rosen: Die Wall Street ist immer noch die weltweite Leitbörse, die
USA hat sich auch bei der Krisenbekämpfung sehr entschlossen gezeigt und verfügt (zum Unterschied zu Europa) über eine Regierung und einen gemeinsamen Anleihenmarkt. Das war in der Krise ein grosser Vorteil.
BE: Bei welcher grossen Zentralbank wird es den nächsten Zinsschritt geben, wann und in welchem Ausmass?
Rosen: Wir glauben, dass die US-Notenbank
Fed noch vor der
EZB die 1. Zinserhöhung durchführen wird, aber auch das nicht vor Sommer 2010.
BE:
Gold wird in den vergangenen Monaten stark nachgefragt. Wie stehen Sie zu diesem Hype?
Rosen: Der Goldpreis hat von den aufkommenden Inflationsängsten sicher profitiert (die USA fahren massive Krisenbekämpfung, das könnte später
Inflation erzeugen). Und Gold war auch im Vorjahr als "sicherer Hafen in der Krise" gefragt. Wir erwarten daher in der 2. Jahreshälfte einen Goldpreis um die 1000 Dollar.
BE: Wie beurteilen Sie den relativ raschen Wiederanstieg der Rohölpreise auf über 70 Dollar mitten in der Krise? Was verursacht das und laufen wir Gefahr, 2010 die 200 USD je
Barrel zu sehen?
Rosen: Der steigende Ölpreis (eine Verdoppelung von 35 auf 70 Dollar alleine von Februar bis Juni 2009) reflektiert auch die Hoffnung auf eine Wende in der
Konjunktur. Aber auch die Stimulierungsmassnahmen Chinas zeigen Wirkung; deren Ölimporte steigen. Wir rechnen allerdings nicht damit, dass die alten Höchststände von knapp unter 150 Dollar je Barrel so schnell überboten werden. Aber eine längere Schwächephase im Ölpreis macht viele Explorationsprojekte unrentabel, was mittelfristig den Ölpreis höher treiben könnte - ein so genannter Flaschenhals-Effekt.
BE: Wie sieht denn Ihre aktuelle Asset Allocation aus?
Rosen: Wir sind derzeit immer noch etwas vorsichtig, sprich bei
Aktien leicht untergewichtet. Entsprechend haben wir eine leichte Übergewichtung bei Renten, wobei wir auch Unternehmensanleihen bester
Bonität berücksichtigen.
BE: Auf der Aktienseite: Welchen Branchen geben Sie den Vorzug, welche sollten gemieden werden?
Rosen: Entsprechend unserer defensiven Haltung sind wir bei Aktien auch bei den Branchen eher konservativ aufgestellt: defensiver Konsum, auch Pharma - die Branche wird derzeit ja wegen Obamas Gesundheitsreform sehr abgestraft.
Interview: Peter R. Nestler
Aus dem Börse Express vom 9. Juli 2009