Streit um EZB-Milliarden

1.121 Banken holten sich letzte Woche fast eine halbe Billion Euro von der EZB
(c)  MEINUNG 0    TAGESTHEMEN     BLOGS 
 
Die Verärgerung ist gross: Die Europäische Zentralbank überschwemmt die Banken geradezu mit Geld - trotzdem klagen immer mehr Unternehmen über Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück wirft den Geldhäusern vor, das Geld lieber möglichst risikolos am Kapitalmarkt anzulegen, als an die Unternehmen auszuleihen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hält dagegen.

Die EZB will mit der Geldschwemme nicht nur eine Kreditklemme verhindern, sondern auch den Geldhandel der Banken untereinander wieder in Schwung bringen. Der war auf dem Höhepunkt der Krise zusammengebrochen, weil sich die Institute nicht mehr trauten und sich kurzfristig kein Geld mehr leihen wollten. In der Zwischenzeit mehren sich aber Anzeichen für eine Entspannung - wenn auch Händler darauf verweisen, dass allenfalls die Tagesausleihe wieder klappt, das Termingeschäft jedoch immer noch darnieder liegt. Das System klemmt: Die Banken borgen sich das Geld bei der EZB und verleihen es nicht an ihre Kunden weiter - oder allenfalls zu hohen Zinsen, vergleicht man sie mit dem rekordniedrigem Leitzins von einem Prozent. Auch wenn die EZB nicht offiziell von einer drohenden Kreditklemme reden mag, stimmen ihre Statistiken nachdenklich. Die Kreditvergabe erfolgt seit Monaten immer schleppender: Zwar wächst sie noch, aber mit gedrosselten Tempo. Damit ziehen die Kreditinstitute den Zorn der Unternehmen auf sich. So spricht der Auto-Importeursverband VDIK von einer "Kampfansage der Banken" und forderte die deutsche Regierung auf, sich des Problems anzunehmen. Die Banken müssten in die Pflicht genommen werden und ihre restriktive Kreditvergabe lockern, sagte Verbands-Präsident Volker Lange.

Die europäische Unternehmervereinigung Business Europe bezeichnete die Zurückhaltung der Banken in einem Brief als "direkte Bedrohung für die Finanzstärke und das Überleben vieler Firmen". Weil Fremdkapital von Banken schwerer zu erhalten sei, versuchten die Unternehmen verstärkt, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. In einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts schätzten 42,4 Prozent der Unternehmen die Kreditvergabepraxis der Banken als restriktiv ein - kaum weniger als im Mai. Besonders Konzerne seien davon betroffen: "Die grossen Unternehmen stecken weiterhin in einer Kreditklemme", sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Dabei steuert die EZB mit voller Kraft dagegen: Vorläufiger Höhepunkt der Geldschwemme war das erste zwölf Monate laufende Refinanzierungsgeschäft in der Geschichte der europäischen Währungsunion. Das Geld ging weg wie geschnitten Brot: 1.121 Banken holten sich vergangene Woche fast eine halbe Billion Euro bei der EZB ab zum Festzins von einem Prozent. Allerdings parken die Banken mittlerweile ungefähr die Hälfte der Liquidität über Nacht auf ihrem Einlagekonto bei der EZB - obwohl sie dafür lediglich einen Zins von 0,25 Prozent bekommen. Händler verwiesen darauf, dass durchaus genügend Geld für die Kreditvergabe da sei. "Die Banken können aber mit dem Geld aus dem Jahrestender machen, was sie wollen - es für die Kreditgewährung wie für das Anlagegeschäft einsetzen", sagte ein Geldhändler.

Deutschbanker Ackermann machte am Mittwochabend klar: Das Geld der Zentralbank sei nicht vornehmlich dazu da, um die Kreditvergabe an Unternehmen am Laufen zu halten. "Man darf das nicht zu einfach machen", warnte er. Die Banken besorgten sich das Geld für die Unternehmenskredite vielmehr überwiegend selbst am Kapitalmarkt. Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken dagegen in der vergangenen Woche bereits ungewöhnlich deutlich. Sollten sie das Geld der Notenbank nicht weitergeben, werde diese überlegen müssen, ob sie Geld nicht direkt an Unternehmen gibt - an den Banken vorbei. Die US-Notenbank Fed macht dies bereits seit einiger Zeit, obwohl die Finanzierung über Banken für die meisten Firmen in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht so eine wichtige Rolle spielt wie in Europa. Sie gehen lieber an den Markt und versuchen dort Finanzmittel aufzutreiben.

Viele hoffen nun auf ein Machtwort von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Um das offenbar überschüssige Geld aus dem Finanzsystem abzuziehen, hat die EZB aber auch ganz einfache Mittel zur Verfügung: Sie kann die Liquidität über Feinsteuerungsoperationen wieder abziehen. Geldhändler halten dies angesichts der noch nie dagewesenen Geldschwemme für möglich: "Das Geld auf Dauer bei der Einlagefazilität zu parken, ist ja nicht besonders lukrativ." Kredite fliessen damit aber noch lange nicht.
 
(apa)
Mehr zum Thema

» EZB zufrieden mit dem Status Quo

» EZB pumpt mit neuem Finanzinstrument Rekordsu...




 


© boerse-express.com 02.07.2009