Die Verärgerung ist gross: Die Europäische Zentralbank überschwemmt die
Banken geradezu mit Geld - trotzdem klagen immer mehr
Unternehmen über Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme. Der deutsche Finanzminister
Peer Steinbrück wirft den Geldhäusern vor, das Geld lieber möglichst risikolos am Kapitalmarkt anzulegen, als an die Unternehmen auszuleihen. Deutsche-Bank-Chef
Josef Ackermann hält dagegen.
Die
EZB will mit der Geldschwemme nicht nur eine Kreditklemme verhindern, sondern auch den Geldhandel der Banken untereinander wieder in Schwung bringen. Der war auf dem Höhepunkt der Krise zusammengebrochen, weil sich die Institute nicht mehr trauten und sich kurzfristig kein Geld mehr leihen wollten. In der Zwischenzeit mehren sich aber Anzeichen für eine Entspannung - wenn auch Händler darauf verweisen, dass allenfalls die Tagesausleihe wieder klappt, das
Termingeschäft jedoch immer noch darnieder liegt. Das System klemmt: Die Banken borgen sich das Geld bei der EZB und verleihen es nicht an ihre Kunden weiter - oder allenfalls zu hohen
Zinsen, vergleicht man sie mit dem rekordniedrigem
Leitzins von einem Prozent. Auch wenn die EZB nicht offiziell von einer drohenden Kreditklemme reden mag, stimmen ihre Statistiken nachdenklich. Die Kreditvergabe erfolgt seit Monaten immer schleppender: Zwar wächst sie noch, aber mit gedrosselten Tempo. Damit ziehen die Kreditinstitute den Zorn der Unternehmen auf sich. So spricht der Auto-Importeursverband VDIK von einer "Kampfansage der Banken" und forderte die deutsche Regierung auf, sich des Problems anzunehmen. Die Banken müssten in die Pflicht genommen werden und ihre restriktive Kreditvergabe lockern, sagte Verbands-Präsident Volker Lange.
Die europäische Unternehmervereinigung Business Europe bezeichnete die Zurückhaltung der Banken in einem Brief als "direkte Bedrohung für die Finanzstärke und das Überleben vieler Firmen". Weil
Fremdkapital von Banken schwerer zu erhalten sei, versuchten die Unternehmen verstärkt, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. In einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts schätzten 42,4 Prozent der Unternehmen die Kreditvergabepraxis der Banken als restriktiv ein - kaum weniger als im Mai. Besonders Konzerne seien davon betroffen: "Die grossen Unternehmen stecken weiterhin in einer Kreditklemme", sagte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.
Dabei steuert die EZB mit voller Kraft dagegen: Vorläufiger Höhepunkt der Geldschwemme war das erste zwölf Monate laufende Refinanzierungsgeschäft in der Geschichte der europäischen Währungsunion. Das Geld ging weg wie geschnitten Brot: 1.121 Banken holten sich vergangene Woche fast eine halbe Billion
Euro bei der EZB ab zum Festzins von einem Prozent. Allerdings parken die Banken mittlerweile ungefähr die Hälfte der
Liquidität über Nacht auf ihrem Einlagekonto bei der EZB - obwohl sie dafür lediglich einen Zins von 0,25 Prozent bekommen. Händler verwiesen darauf, dass durchaus genügend Geld für die Kreditvergabe da sei. "Die Banken können aber mit dem Geld aus dem Jahrestender machen, was sie wollen - es für die Kreditgewährung wie für das Anlagegeschäft einsetzen", sagte ein Geldhändler.
Deutschbanker Ackermann machte am Mittwochabend klar: Das Geld der Zentralbank sei nicht vornehmlich dazu da, um die Kreditvergabe an Unternehmen am Laufen zu halten. "Man darf das nicht zu einfach machen", warnte er. Die Banken besorgten sich das Geld für die Unternehmenskredite vielmehr überwiegend selbst am Kapitalmarkt. Bundesbank-Präsident Axel Weber drohte den Banken dagegen in der vergangenen Woche bereits ungewöhnlich deutlich. Sollten sie das Geld der Notenbank nicht weitergeben, werde diese überlegen müssen, ob sie Geld nicht direkt an Unternehmen gibt - an den Banken vorbei. Die US-Notenbank
Fed macht dies bereits seit einiger Zeit, obwohl die
Finanzierung über Banken für die meisten Firmen in den Vereinigten Staaten bei weitem nicht so eine wichtige Rolle spielt wie in Europa. Sie gehen lieber an den Markt und versuchen dort Finanzmittel aufzutreiben.
Viele hoffen nun auf ein Machtwort von EZB-Präsident
Jean-Claude Trichet. Um das offenbar überschüssige Geld aus dem Finanzsystem abzuziehen, hat die EZB aber auch ganz einfache Mittel zur Verfügung: Sie kann die Liquidität über Feinsteuerungsoperationen wieder abziehen. Geldhändler halten dies angesichts der noch nie dagewesenen Geldschwemme für möglich: "Das Geld auf Dauer bei der Einlagefazilität zu parken, ist ja nicht besonders lukrativ." Kredite fliessen damit aber noch lange nicht.