DJ
EZB/Mersch: Preisrückgänge signalisieren keine
DeflationFRANKFURT
(Dow Jones)--Die Inflationsrate im Euroraum hat sich nach Aussage des Präsidenten der luxemburgischen Zentralbank, Yves Mersch, mit einem noch nie da gewesenen Tempo verringert. Wegen des deutlichen Rückgangs der Rohstoffpreise seit Mitte 2008 könne der
Verbraucherpreisindex seiner Einschätzung nach in einigen Monaten des kommenden Jahres sogar kontrahieren. Dies wäre aber nur temporär und kein Auftakt für eine Deflation, betonte Mersch in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit Dow Jones Newswires.
"Im Juni hatten wir noch einen sehr hohen Inflationsdruck; wir haben nicht vorhergesehen, dass sich dieser in so kurzer Zeit und so dramatisch vermindern wird", sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) und fügte hinzu: "Wir haben das vorher noch nicht erlebt". Dennoch erwartet Mersch keine Deflation im Euroraum. "Ich denke nicht, dass es in diesem Bereich zu dramatischen Entwicklungen kommen wird, außer dass wir eine willkommene Disinflation sehen werden, die die Inflationsraten wieder näher an unsere Definition von Preisstabilität heranführt", sagte das EZB-Ratsmitglied.
Die Wachstumsaussichten im Euroraum sind nach Einschätzung von Mersch nicht besonders günstig. "Seit Anfang Oktober haben wir Indikatoren, Umfragen und Teilergebnisse gesehen, die alle auf nichts optimistischeres für das laufende Quartal hindeuten", sagte Mersch. Im zweiten und dritten Quartal war das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum um jeweils 0,2% gegenüber dem Vorzeitraum geschrumpft. Ende 2009 dürften sich Mersch zufolge aber die ersten Anzeichen für eine Wirtschaftserholung abzeichnen.
Zu den Zinssenkungen im Oktober und November sagte der Notenbanker, diese müssten im Zusammenhang mit den Inflationserwartungen gesehen werden, die "wie ein Stein gefallen" seien. Die Währungshüter der Eurozone hatten Anfang diesen Monats zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ihren
Leitzins um 50 Basispunkte gesenkt. Der EZB-Leitzins steht seitdem bei 3,25%. Geldpolitische Beobachter rechnen für Dezember mit einer weiteren Zinssenkung um 50 Basispunkte.
Mersch deutete an, dass die EZB ihren Leitzins nicht noch aggressiver senken wird. "Eine große Zinssenkung könnte kontraproduktiv sein und das Gegenteil von dem signalisieren, was wir möchten, nämlich Gewissheit und Vertrauen", sagte Luxemburgs Notenbankpräsident. Bei Zinssenkungen komme es nicht auf die Größe an, sondern auf den Kontext, indem sie vorgenommen würden. "Die Politik der ruhigen Hand hat uns gut gedient", sagte Mersch.
-Von Monica Houston-Waesch, Dow Jones Newswires; +49 (0) 69 297 25 300,
konjunktur.de@dowjones.com
DJG/DJN/kth/nas
(END) Dow Jones Newswires
November 20, 2008 14:14 ET (19:14 GMT)
Copyright (c) 2008 Dow Jones & Company, Inc.