Die weltweite
Finanzkrise macht auch vor russischen Oligarchen nicht halt. Diese Erfahrung müssen
Oleg Deripaska, Roman Abramowitsch und ihre Milliardärskollegen jetzt machen. Sie haben in den vergangenen fünf Monaten mehr als 230 Mrd. Dollar verloren, seit
Russland die schlimmste Finanzkrise seit dem staatlichen Zahlungsausfall von 1998 durchmacht.
Zwischen dem 19. Mai und dem 6. Oktober ist das gesamte Vermögen der laut der Forbes-Liste 25 reichsten Russen um 62 Prozent abgeschmolzen, legt man die Aktienkurse ihrer
Unternehmen und Analystenbewertungen für nicht börsennotierte Unternehmen im Besitz der Oligarchen zugrunde. Damit entsprechen die Verluste der Oligarchen fast genau der Entwicklung an der Moskauer
Börse, wo der Benchmarkindex Micex gegenüber seinem Hoch im Mai 61 Prozent verloren hat. Ausländische
Anleger haben seit Anfang August 74 Mrd. Dollar aus Russland abgezogen, zeigen Berechnungen von BNP Paribas SA. Neben der weltweiten Kreditkrise schreckten sie auch der Georgien-Konflikt und die sinkenden Rohstoffpreise ab.
Im Gegensatz zur letzten russischen Finanzkrise, als vor allem die Kleinanleger ihre Ersparnisse verloren, trifft es diesmal vor allem die Superreichen. "1998 haben wir einen massiven Transfer von Vermögen in die Hände der Oligarchen beobachtet", sagt
Mark Mobius, Executive Chairman von Templeton Asset Management Ltd. und einer der bekanntesten Schwellenmarktexperten weltweit. "Jetzt läuft es andersherum."
So hat der bisher reichste Russe, Aluminiummagnat Deripaska, mehr als 16 Mrd. Dollar eingebüßt. In der vergangenen Woche gab er Anteile an dem Baukonzern Hochtief
AG und dem Autozulieferer Magna International Inc. wieder ab. Noch größer sind die Verluste für den Fußballclubbesitzer Abramowitsch, dessen Geld vor allem in dem Stahlkonzern Evraz Group SA steckt. Der 41jährige hat - ohne Berücksichtigung von Immobilienbesitz und liquiden Mitteln - 20 Mrd. Dollar verloren.
Getoppt wird das allerdings von Abramowitschs Konkurrenten Vladimir Lisin, Mehrheitseigner von OAO Novolipetsk Steel. Dem passionierten Jäger Lisin sind 22 Mrd. Dollar entschwunden. Alexander Abramow, Gründer und einer der Haupteigentümer von Evraz, musste zusehen, wie sein Vermögen von 13,4 Mrd. Dollar auf 2,2 Mrd. Dollar abschmolz. Grund war vor allem der Kurseinbruch von 83 Prozent bei Evraz. Auch andere Stahl- Oligarchen leiden unter Kursverlusten ihrer Unternehmen. So hat der Kursverfall beim größten russischen Stahlhersteller OAO Severstal das Vermögen des Vorstandschefs und Haupt-Eigentümers Alexej Mordaschow auf 5,3 Mrd. Dollar schrumpfen lassen.
"Sie sollten uns alle von der Forbes-Liste streichen", erklärte Alexander Lebedew, der im Mai mit einem Vermögen von 3,1 Mrd. Dollar auf Rang 39 der russischen Reichen-Liste kam. Lebedew, der 30 Prozent an der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot hält, machte im September "dumme" Rhetorik des Kreml zum Georgien-Konflikt für 40 Prozent des Einbruchs am russischen Aktienmarkt im August verantwortlich.
Auch die Öl-Magnaten sind nicht mehr so flüssig. Wagit Alekperow, Vorstandschef des Ölkonzerns OAO Lukoil, ist nur noch 7,2 Mrd. Dollar wert, während es im Mai noch 19,5 Mrd. Dollar waren. Sein Stellvertreter Leonid Fedun kam im Mai auf ein Vermögen von 8,4 Mrd. Dollar und hat jetzt noch 3 Mrd. Dollar. Die drei Milliardäre Michail Fridman, German Chan und Alexej Kusmitschow, Haupteigentümer der Alfa Group, haben zusammen mindestens 12,1 Mrd. Dollar verloren. Alfa ist unter anderem an dem Öl-Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP, den Mobilfunkanbietern OAO VimpelCom in Russland und Turkcell Iletisim Hizmetleri AS in der Türkei, der Supermarktkette X5 REtail Group und dem Fernsehsender CTC Media Inc. beteiligt.
Mindestens ein Oligarch ist rechtzeitig ausgestiegen. Michail Prochorow hat seine Beteiligung von 25 Prozent an dem Metallkonzern OAO GMK Norilsk Nickel im April an die Deripaska gehörende Rusal verkauft.
Kurs danach begann der Nickelpreis einzubrechen. Der Wert des Aktienpaketes ist von 13 Mrd. Dollar am 24. April auf 3,38 Mrd. Dollar am 6. Oktober geschrumpft. Zeitungsberichten zufolge hat Prochorow im Rahmen des Verkaufs 7 Mrd. Dollar in bar erhalten.
Einen Teil des Geldes hat der 43jährige Prochorow bereits wieder investiert. Ende September erwarb er die Hälfte der Investmentbank Renaissance Capital für 500 Mill. Dollar. Damit beträgt der Wert von Renaissance Capital nicht einmal mehr ein Viertel der 8 bis 10 Mrd. Dollar, mit denen westliche
Investmentbanken die Gesellschaft laut einem Bericht von Wedomosti im Jahr 2007 bewerteten. "In Krisenzeiten bieten sich die besten Chancen", erklärte Prochorow.