Börse Express: Herr Strobl, warum wurde in der ÖVAG der Weg gewählt, weg von den Produktgesellschaften?
Fritz Strobl: Da muss man das Pferd von hinten aufzäumen - was hat uns dazu gebracht, das so anzustellen. Im Wesentlichen hat es bisher den
Trend in den
Banken gegeben, Produkte getrennt zu behandeln. Aber es ist auch immer stärker die Notwendigkeit herausgekommen, schneller auf Marktentwicklungen zu reagieren. Letzteres hat die Zertifikatelandschaft in den letzten Jahren sehr begünstigt. Es haben sich Produkte entwickelt, bei denen es nicht im Vordergrund stand, den Markt outzuperformen, sondern ihn widerzuspiegeln. Das waren dann zum Beispiel ETFs, Indexfonds und
Indexzertifikate. Klassische
Fonds hingegen haben nicht die vordergründige Aufgabe, die Märkte wiederzugeben, sondern sie sollen ihre Märkte outperformen.
BE: Das wird ja in der ÖVAG auch nicht anders sein...
Strobl: Aber bei uns steht nicht das Produkt im Vordergrund, weil es für uns nur eine Hülle ist. Wir versuchen die Risikoerwartungen unserer Kunden entsprechend abzubilden. Zusätzlich zu dem oben angesprochenen, sind ja in den vergangenen Jahren auch noch weitere Assetklassen dazugekommen, zum Beispiel ganz stark die
Derivate,
Rohstoffe, etc, die ganze Liste der marktunabhängigen Investments. Bei den Derivaten wusste am Anfang niemand, wofür man die einsetzen sollte. Erst über die
Zertifikate hat sich da ein Kundennutzen ergeben. Für uns bedeuten Derivate: Wie kann man das Marktrisiko umformen, um es für den Kunden verdaubar zu machen.
Das ist nun der Entwicklungshintergrund. Und man muss ja auch sagen, dass es für die Kunden zuletzt immer weniger Unterschied gemacht hat, welche Verpackung gewählt wurde. Da waren höchstens kostenmässige Unterschiede.
BE: Wieso haben dann alle Häuser die bekannte Struktur mit einer Trennung nach Töchtern je Produktschiene?
Strobl: Das hat sich grösstenteils historisch so entwickelt. Es war ja bei uns auch nicht anders, nur dass wir sehr stark im Zertifikatebereich geworden sind - heute sind wir in
Österreich unbestrittener Marktführer. Da herrscht auch eine andere Dynamik. Mit unserer neuen Strategie erhalten wir sicherlich Aufmerksamkeit im Markt, und zusätzlich die Chance, weitere Marktanteile zu gewinnen.
BE: Das heisst, welche Produkte wird es aus Ihrem Haus künftig geben?
Strobl: Es gibt bei uns nicht nur Zertifikate und Fonds, sondern auch Zertifikate im Rahmen eines Verbriefungsrisikos - das hat dann ein gänzlich anderes Emittentenrisiko. Wir können bestimmt Dinge natürlich auch in einem Versicherungsmantel darstellen. Was aber wichtiger ist als die Produkte: Bei uns gibt es hinter allem, aber schwerpunktmässig im Vordergrund, ein Hüllenmanagement. Das sind die Leute, die bestimmen, für dieses und jenes Risiko wird das Produkt gewählt. Insgesamt ergibt sich aber trotzdem eine Kostenreduktion, weil im Hintergrund viele Dinge gemeinsam laufen.
BE: Gibt es dabei auch einen Transfer im Knowhow der Produktentwicklung zwischen Fonds und Zertifikaten?
Strobl: Es ist die Erfahrung in der Produktentwicklung. Wenn man es mit einem Läufer vergleicht: Wir sind es gewöhnt, die 100 Meter schnell zu laufen. Es macht einen Unterschied, ob man mehrere Produkte in der Woche bringt, oder nur zwei, drei Mal im Jahr einen Fonds. Da entwickelt man eine gewisse Routine und Schnelligkeit, die andere nicht haben. Personell hat es sicher Verschiebungen bei uns im Haus gegeben, an der einen Stelle etwas weniger, an der anderen dafür mehr, oder neue Stellen wie zum Beispiel das Hüllenmanagement, das ja komplett neu ist.
BE: Wird es auch produktmässig aus dem Gesagten Neuigkeiten geben?
Strobl: Sie werden im 4. Quartal neben den bestehenden Produkten auch neue Verpackungen sehen. Da wird es zum Beispiel wesentlich neue Fondsprodukte geben, zum Beispiel Zertifikate im Fondsmantel.
BE: Wie ist das mit dem Investmentfondsgesetz vereinbar?
Strobl: Das sind dann 20a-Fonds, die sich nach den Möglichkeiten richten, die das heuer wieder novellierte Investmentfondsgesetzes eröffnet. Es hat bereits erste Gespräche mit der
FMA gegeben und die hat prinzipiell keine Ablehnung signalisiert. Es sind noch ein paar Kleinigkeiten zu adaptieren - so zum Beispiel in der Risikomessung. Aber im Prinzip ist das darstellbar und wir haben auch schon mit den Vorarbeiten begonnen. Diese Fonds sind prinzipiell für das Retailpublikum gedacht, sind aber auch für institutionielle Kunden darstellbar.
BE: Wie wollen Sie das alles Ihren (potenziellen) Kunden vermitteln?
Strobl: Wir haben ein sehr beratungsintensives Geschäft und dabei wollen wir auch bleiben. Unsere Vertriebsstruktur sieht so aus, dass wir einen grossen Teil über externe Berater abwickeln. Unsere Kunden sind daher auch Leute, die Beratung suchen. So gehen wir zum Beispiel nicht über
Direktbanken, auch wenn es da das eine oder andere Produkt gibt. Wir sind dort, wo professionelle Beratung gesucht wird. Das wollen wir beibehalten und sogar fokussieren.
BE: In
Deutschland wird der Zertifikatebranche vorgeworfen, dass sie eine unüberblickbare Fülle an Produkten herausbringt, die vom Berater nicht mehr durchschaut werden kann. Wie sehen Sie da die Situation des Beraters für Österreich?
Strobl: Im Prinzip gilt das auch fast schon für Österreich, wenn man alles mit einbezieht, was für einen in Österreich lebenden Kunden machbar ist. Wenn man sich aber unser Angebot anschaut, wird man den Unterschied erkennen. Wir haben gegenwärtig rund 400 Zertifikate und ca. 50 Fonds in der Palette. Und das ist dann auch für den Berater überschaubar. Vor allem gibt es bei uns in der ÖVAG nur Analgezertifikate. Aus dem Segment der
Hebelzertifikate haben wir uns zur Gänze herausgehalten. Das haben wir auch nicht in der neuen Struktur geplant. Dadurch schaut die Zahl wenig aus. Trotzdem haben wir 40 Prozent Marktanteil im heimischen Zertifikatemarkt.
BE: Wird sich in der ÖVAG -Gruppe der bestehende Produktmix insgesamt ändern?
Strobl: Wir werden im November sagen, welche Produkte in den Vordergrund gestellt werden. Schon jetzt kann man folgendes sagen: Es gibt strukturierte Investments zur Abbildung von Marktrenditen über alle Assetklassen hinweg, verfeinert mit Derivaten. Das können wir dann auch in allen Verpackungsvarianten darstellen. Weiters werden da die Produkte sein, die Alpha liefern, also marktunabhängige Investments. Auch hier sind verschiedene Verpackungen möglich, aber natürlich nicht alle. Damit alleine hat man schon die zwei wichtigsten Bausteine, um alle vorstellbaren Portfolios zu bauen. Und das geben wir den Beratern zur Hand. Die dritte Gruppe, die wir davon abgehoben anbieten, ist das - nennen wir es einmal im Arbeitstitel einfach - "Vermögensmanagement". Das ist kein Baustein, sondern eine Lösung, die es in drei bis vier verschiedenen Risikoklassen für alle von 1.000
Euro bis oben offen geben wird. Hier reden wir dann von Absolute Return. Aber nicht im Sinne, immer eine absolut positive
Rendite zu erzielen, sondern von einem vom Kunden definierten Risiko weg eine positive
Performance zu erzielen.
BE: Wie sieht ein ÖVAG-Kundenportfolio im Vergleich mit heute in fünf Jahren aus?
Strobl: Es wird immer mehr darum gehen, für eine bestehende Risikoneigung eines Kunden die Rendite zu optimieren. Und dort wollen wir hin. Es geht um den Optimierung der Verpackung bzw. der Hülle, darum das Hüllenmanagement.
Interview: Peter R. Nestler
Aus dem Börse Express vom 26. Sept.:
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