Börse Express: Herr Schorn, welche Anlageformen werden aktuell bevorzugt in Anspruch genommen, und wo geht die Tendenz in der Zukunft hin?
Helmut Schorn: Die Finanzindustrie versucht sich immer mit neuen Produkten und einer dazu passenden Story beim Kunden einzustellen. Waren es früher Technologie und Telekommärkte, dann Lifestyle und Healthcare, so folgten
Emerging Markets, Osteuropa, alternative Investments, Beteiligungen an Schiffen, Flugzeugen und Infrastrukturprojekten und strukturierte Produkte. Immer wenn etwas gut gelaufen war wurde getrommelt:
Rohstoffe und Gold wurden wieder entdeckt. Mit Oktober 2007 hatten wir ein Allzeit-Hoch. Die Gewitterwolken aus Amerika zogen auf und wir haben eine veritable Bankenkrise. Die
Immobilien traten einen schweren Rückgang an, Gold und Ölpreise gaben von ihren Höchstständen nach. Viele zweifelnde Kunden wählen Garantieprodukte und Sparbuch.
BE: Wie sehen Sie die Aufregung um die aktuelle Marktlage und wann ist Ihrer Einschätzung nach die beste Zeit um wieder stärker in den Markt zu investieren?
Schorn:Nach den rasanten Einbrüchen (Hoch: Mitte Oktober 2007, Tief: Mitte Juli 2008) haben wir derzeit Kurse wie vor rund zwei Jahren. Viele Investoren haben noch den Kursverfall von 2000 bis 2003 in Erinnerung und fürchten ähnliches. Es ist daher verständlich, dass Anleger sich ruhigere Entwicklungen wünschen und ihre Renditeerwartung deutlich nach unten reduzieren. Garantieprodukte, langfristige Lebensversicherungen und Sparbücher sind die Folge. Aber: Anfang 2000 waren wir bei einer durchschnittlichen
Rendite von 20% p.a. und alle in der Branche und im Umfeld sprachen nur vom "Kaufen!". Heute ist der Durchschnitt über 15 Jahre bei knapp 6% p.a., und manche sehen noch schlechtere Entwicklungen. Meine Meinung dazu: Nutzen Sie die Chancen ab jetzt und bauen Sie über die nächsten 18 Monate ein solides
Portfolio auf.
BE: Welche Länder sehen Sie persönlich als zukünftige Wachstumsmärkte an und warum?
Schorn: Ich sehe Europa als Schwerpunkt. Eine hochqualifizierte Industrie profitiert über den Warenaustausch innerhalb der
EU und durch den Export in aufstrebende Regionen. Eine solide Mittelschicht von Konsumenten bringt auch der Freizeitindustrie den notwendigen Schwung. Grundsätzlich gilt es, ein Portfolio zu erstellen und die Wünsche, Erfahrungen und Möglichkeiten der Konsumenten zu berücksichtigen.
BE: Sie beschäftigen sich auch mit dem Thema "Schmälert Angst die Rendite der Anleger?" Welche Tipps können Sie diesbezüglich einem Privatanleger mit auf dem Weg geben?
Schorn: Das Thema "Schmälert Angst Ihre Rendite" ist geprägt von Garantieprodukten und der Hinwendung zum Sparbuch. Vielfach auch in langfristige Versicherungen, beseelt mit dem Wunsch in den nächsten 10 bis 20 Jahren von negativen Kommentaren oder Kontoauszügen mit Crashergebnissen nicht belästigt oder gar bedroht zu werden. Aber gerade im langfristigen Bereich bringt ein Aktieninvestment dokumentierbar bessere Erträge. Der Vergleich über 15 Jahre mit beginnend 10.000
Euro belegt: Auf dem Sparbuch stehen jetzt 14.000 Euro, Ihr Anleihedepot weist 18.000 Euro auf und Ihr Investmentfondsauszug dokumentiert 22.000 Euro. Wenn Sie keine Kursschwankungen erleben wollen, bleiben Sie bitte auf Ihrem Sparbuch, denn Garantieprodukte sind keine Lösung. Für alle anderen Fälle suchen Sie sich einen Finanzdienstleister bzw. Vermögensberater.
BE: Gibt es in der
Steiermark regionalspezifische Besonderheiten der Finanzbranche im Hinblick auf Kundenverhalten, Berater, Anlageformen etc.?
Schorn: Wir sind aktiv bemüht die Qualifikation unserer Mitglieder zu heben. Dazu wird auch seit Jahren in Graz die Ausbildung und Prüfung zum Gewerblichen Vermögensberater forciert. Unterschiede im Anlageverhalten zu Restösterreich sind nicht bemerkbar.
Interview: Petra Plank
Aus dem Börse Express vom 4. Sept.:
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