Die Mindestdeckungssumme bei Kfz-Haftpflichtversicherungen wird in Erfüllung einer
EU-Richtlinie mit 1. Juli verdoppelt und steigt von drei auf sechs Millionen
Euro. Damit muss rund jeder fünfte Autofahrer mit einer Prämienerhöhung rechnen, hat der ARBÖ in einer aktuellen Umfrage unter den heimischen
Versicherungen ermittelt. Demnach werden 15 von 20 in einem Rundruf befragten Versicherungen ihre
Prämien erhöhen, und zwar zwischen 0,5 und 5 Prozent.
Börse Express: Welcher Gedanke hat die EU bewogen, die Mindestdeckungssumme bei Kfz-Haftpflichtversicherungen zu verdoppeln? Lydia Ninz: Es handelt sich hierbei um die Umsetzung einer schon älteren EU-Richtlinie, um die Versicherten bei kapitalen Schäden besser abzusichern. Von mancher Seite wurde sogar für die neue Mindestdeckung eine noch höhere Summe vorgeschlagen. Letztlich wurde aber von den beteiligten Parteien ein Konsens in Höhe von sechs Millionen Euro erzielt.
BE: Sechs Millionen Euro - das klingt nach einer Menge Holz. Können Sie bitte ein Beispiel aus der Praxis nennen, bei dem ein Verkehrsunfall summa-summarum einen
Schaden von drei bis sechs Millionen Euro erreicht? Ninz: Vor Kurzem war was Spektakuläres. Teile einer Familie hatten nach einem Unfall starke psychische Probleme. Die
Versicherung hat den Familienmitgliedern die gesamte Therapie gezahlt. Oder überlegen Sie sich nur mal, wenn Sie einen Unfall verursachen und ein Familienernährer nach diesem ein Leben lang invalid ist und nicht mehr für seine Angehörigen sorgen kann. Da werden Sie ein Leben lang zur Kasse gebeten, wenn Sie nicht ausreichend haftpflichtversichert sind. Es ist zudem auch so, dass in der Rechtsprechung der Trend zu immer mehr Schadenersatz Einzug hält.
BE: Es haben ganze 15 von 20 Versicherungen, also drei Viertel, beschlossen, die Prämien zu erhöhen. Aber "nur" für jeden rund fünften Autofahrer, also 20 Prozent, wird mit Juli die
Prämie teurer. Wieso sind nicht mehr Autofahrer von der Prämienerhöhung betroffen? Ninz: Wir haben die 20 Kfz-Versicherer in
Österreich befragt und das Ganze mit Marktanteilen gegengerechnet. Grob 30 Prozent der Befragten haben aktuell eine noch geringere Mindestdeckungssumme als die 6 Mio. Euro, die anderen 70 Prozent sind schon darüber. Drei Versicherungen geben übrigens mit Juli höhere Mindestdeckungssummen aus, ohne die Prämie zu erhöhen. Darunter der ARBÖ-Partner Wüstenrot.
BE: Die Prämien werden, je nach Versicherung, zwischen 0,5 und 5 Prozent erhöht. Fallen wegen diesen unterschiedlichen Mindestdeckungsssummen bei den Versicherern die Erhöhungen deshalb so unterschiedlich aus? Ninz: Genau. Man kann sagen: Daumen mal Pi kostet das den durchschnittlichen Autofahrer bis zu 50 Euro mehr. Eine KfZ-Haftpflichtversicherung kann schliesslich schon mal auf 1.000 Euro im Jahr kommen.
BE: Bessere Versicherungsleistung, aber höhere Prämie - ist der durchschnittliche österreichische Autofahrer mit dieser Neuregelung jetzt besser oder schlechter weggekommen? Ninz: Es ist eine EU-Richtlinie, die Österreich umsetzen muss. Die eigene finanzielle Sicherheit steigt damit. Wir vom ARBÖ würden sogar eine noch höhere Summe als die 6 Millionen Euro gutheissen. Es gibt Stimmen, die 10-15 Mio. Euro durchsetzen wollen - was wir allerdings für übertrieben halten. Mit 6 Millionen Euro ist man als Autofahrer im sicheren Bereich. Es ist noch nicht lange her, da hatten wir überhaupt nur 1 Million Euro. Das müsste noch im Jahr 2004 gewesen sein.
BE: Wars das jetzt für die nächste Zeit an Erhöhungen der Versicherungen für Autofahrer, oder steht noch was ins Haus? Ninz: Wir haben ja mittlerweile das System, dass die Versicherungen abgestimmt auf den VPI, den
Verbraucherpreisindex, ihre Prämien erhöhen dürfen. Früher war ja eine Erhöhung erst nach einem Nachweis des Schadensverlaufes möglich. Auf alle Fälle freut es uns, dass im Kfz-Kasko-Bereich zuletzt ein stärkerer Wettbewerb entstanden ist. Was uns weniger freut ist, dass die Versicherungen den Führerscheinneulingen noch zu wenig entgegenkommen. In den letzten Jahren hat es weit weniger Unfälle von jungen Fahrzeuglenkern gegeben. Da wäre es nur fair, wenn die Versicherer den Jugendlichen mit geringeren Prämien entgegenkommen. Tatsache ist, dass viele von ihnen immer noch sagen "Führerscheinneulinge wollen wir nicht."
Das Interview führte Daniel Hoffmann