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28.12.2012 07:00
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„Sparer müssen sich damit beschäftigen, erstmals keinen Ertrag zu erzielen“

Teil 1 eines Cafe BE mit der Fondsbranche über Herausforderungen, eigene Fehler und die Hoffnung, dass die Aktie unter Privatanlegern nicht mehr ‘nur’ als böse angesehen wird.
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Cafe BE: Zu Jahresende gibt es natürlich immer einen Ausblick auf das nächste Jahr - ich möchte aber zuerst in die Vergangenheit bzw. das Jetzt blicken - und da dürfte ein aktueller Kommentar von Patricia Wruuk vom Deutsche Bank Research den Nagel bezüglich der Situation für Anbietern von Finanzprodukten ziemlich auf den Kopf treffen: „Der Anstieg von Bargeld und Sichteinlagen in den Vermögen privater Haushalte zeigt nicht nur anhaltende Unsicherheit angesichts der Eurokrise, sondern auch eine gewisse Ratlosigkeit auf der Suche nach Alternativen bei der Geldanlage. Viele Anleger reagieren in dieser Situation mit verstärkten Sparanstrengungen, um geringere Renditen wettzumachen. Gleichzeitig beschleicht den einen oder anderen das Gefühl, dass ihn Sparen und Geldanlage zwar etwas kostet, aber leider wenig bringt.“ Wie ist dieses Dilemma zu lösen?

Alois Steinböck: Gut zehn Prozent der Österreicher sind derzeit in Wertpapieren investiert. Heißt: 90 Prozent beschäftigen sich vor allem mit dem Thema Sparen, haben Angst vor anderen Anlageformen. Was auch mit der Nachrichtenlage etwa am Aktienmarkt über die letzten zehn Jahre zu tun hat: Aktie ist hochriskant und es gibt wenig zu verdienen, vielleicht sogar zu verlieren. Dass die Märkte im Vorjahr 15, 20 und mehr Prozent gemacht haben, wurde daher weder mitgemacht, noch wurde es wahrgenommen. Es dauert, bis sich Einstellungen ändern.

Cafe BE: Wie lange kann so eine Änderung dauern. Jetzt haben wir ein gutes Jahr, das noch nicht wahrgenommen wurde, und hatten das „verlorene“ Jahrzehnt - neun Jahre werden es ja nicht sein ...

Gerhard Mittelbach: Das hängt vor allem von den Massenmedien und deren Umgang mit der Marktentwicklung ab. Man muss auch sagen, dass die meisten Anleger nicht nur das Jahr 2012 versäumt haben, sondern die Entwicklung eigentlich seit 2008 nicht mitgemacht haben. Beim DAX haben wir fast ein Fünfjahreshoch - jetzt noch investieren klingt fast schon brutal. Andererseits habe ich einen Bund mit 1,5 Prozent und eine Basisverzinsung der Lebensversicherung von 1,75 Prozent. Da gibt es eine Divergenz und das erklärt auch ein bisschen die Verunsicherung des Anlegers aus dem Anfangskommentar. Der Privatanleger hat keine Aussichten mehr: Auf dem Sparbuch bekommt er einen „Schmarrn“, bei der Lebensversicherung praktisch nichts, außer der Berater. Dazu berichten die Medien, dass wir in der Finanzbranche alle Betrüger sind; man muss sich für Sachen verteidigen, mit denen man nie etwas zu tun hatte. Vertrauensschaffend ist das auch nicht.

Harald Egger: Am Markt herrscht eine große Verunsicherung. Oft werde ich im Bekanntenkreis gefragt, wann die Aktienmärkte wieder zu steigen beginnen werden. Wenn ich dann sage, dass sich die Märkte seit 2009 verdoppelt haben, stößt man auf Unglauben. Ständig hört man von Krisen, und da sollen Aktien steigen? Die meisten Menschen befassen sich leider sehr wenig mit den Märkten und wahrscheinlich wird es wie so oft sein, dass sich das erst ändert, wenn große Medien von ständig neuen All-Time-Highs berichten und dass man da einsteigen muss. Cafe BE: Womit das Ende des Aufschwungs dann auch bereits oft Nahe ist ...

Harald Egger: Anleger sollten investieren, wenn von Krise die Rede ist. Wenn in den Medien bereits alles rosarot erscheint, dann ist es zumeist zu spät.

Alois Steinböck: Zu den neun Jahren. Ich glaube, dass es sicher nicht solange dauern wird. Denn Sparer müssen sich auf Grund des extrem niedrigen Zinsniveaus erstmals damit beschäftigen, dass sie keinen Ertrag mehr erzielen. Das gilt eigentlich nominell wie real. Man wird sich damit beschäftigen müssen, wo mehr zu verdienen ist. Das wird auch zu einem Know-How-Schub des bisher manchmal ein wenig realitätsfernen Österreichers führen, was in Bezug auf den Vorsorgegedanken jedenfalls sehr zu begrüßen ist.

Cafe BE: Das klingt für mich aber wieder nach einem längeren Zeitraum. Die Politik etwa zeigte bisher wenig Interesse daran, die Pensions- bzw. Vorsorgeproblematik ernsthaft anzusprechen ...

Alois Steinböck: Vorsorge ist natürlich ein Langfristprojekt. Aber es kann ein Katalysator dafür sein, dass man sich auch mit anderen Produkten des Kapitalmarktes beschäftigt; ganz einfach, weil die Alternative Sparbuch nichts mehr abwirft. Darüber wird auch mehr und mehr geschrieben; heißt, es fängt zu sickern an. Ich glaube fest daran, dass mehr und mehr Gelder in andere Produkte fließen werden, nicht spekulatives Geld, sondern das der Veranlagung. Und eines sollten wir nicht vergessen. In den ganzen Rückblicken auf Fünf und Zehnjahressicht, beginnen jetzt die ersten schlechten Jahre aus der Statistik zu fallen. Da sind dann sehr ordentliche Ergebnisausweise darzustellen, die das Interesse zumindest verstärken werden.

Harald Egger: Es gibt ein sehr großes Bedürfnis nach Sicherheit. Die Märkte sind in einem Jahrzehnt zwei mal abgestürzt, das bleibt im Kopf hängen. Wenn dann auch noch überall von Krise gesprochen wird, ist das eher kein Umfeld, wo größere Risiken eingegangen werden, obwohl es wahrscheinlich notwendig wäre. Denn ein wirklich sicheres Investment gibt es nicht mehr. Cafe BE: Besteht dann aber nicht genauso die Gefahr, dass sich der Anleger komplett vom Markt zurückzieht. Ohne höheres Risiko gibt es keine Rendite und selbst die ist, wenn man sich alle Prognosen ansieht, geringer anzusetzen als früher?

Alois Steinböck: Das Sicherheits-Risiko-Denken muss ohnehin modifiziert werden. Nicht jede Aktie etwa ist mit dem gleichen Risiko behaftet.

Cafe BE: Das ist aber wahrscheinlich nicht so leicht zu kolportieren, wenn über Regelwerke wie Solvency II ausgerichtet wird, dass Aktien hohes Risiko sind ...

Gerhard Mittelbach: Der Zugang des Österreichers zu Risiko ist oft ein ambivalenter. Siehe das aktuelle Medienereignis ‘Waldviertler Schuhproduzent gegen FMA’, wobei ich mir sicher bin, dass wenn die dortigen Anleger um ihr Investment umfallen würden, diese das der FMA ankreiden würden - jetzt aber Unterschriftenlisten etc. organisieren. Gleichzeitig habe ich den Salzburger Finanzskandal und die Presse ist wieder voll vom bösen Spekulanten. Und jedem Stammtisch ist klar, dass Aktie pfui und Lebensversicherung toll ist. In dieser Situation ist es dem Anleger egal wenn ich ihm sage, dass er real etwas verliert, denn 1,75 Prozent stehen auf dem Papier. Minus 2,8 Prozent Inflation steht ja nicht dort. Wenn er das sehen würde, würde er reagieren. Cafe BE: Soviel anders wirkt die Veranlagung einiger institutioneller Investoren aber auch nicht ...

Gerhard Mittelbach: Die haben auch nicht immer viel besser agiert als der Private. Wenn ich 1,75 Prozent als Versicherung verdienen muss, beginnt die Suche nach Alternativen. Immobilien? In Deutschland etwa sind die Preise seit 2008 im Schnitt um 30 Prozent gestiegen, in Ballungsräumen haben wir fast dreistellige Raten. Aber jeder spricht heute davon, Gold und Immobilien haben zu müssen. Da schaut keiner auf den Preis.

Harald Egger: Viele sind sich des Risikos nicht bewußt.

Gerhard Mittelbach: Und Qualität zählt wenig. Wir haben im DAX 30 wunderschöne Werte mit einer durchschnittlichen Dividendenrendite von 3,5 Prozent. Das ist gegenüber dem Bund ein Vorteil von zwei Prozentpunkten. Auf 10 Jahre genommen, könnte ich also mit der Aktie minus 20 Prozent machen, um auf das gleiche Ergebnis zu kommen. Diese Berechnung müßte angestellt werden.

Harald Egger: Ähnliches Beispiel. Was ist sicherer? Eine Nestle-Aktie mit mehr als drei Prozent, oder ein Corporate Bonds mit zwei Prozent Verzinsung? Aber die Aktie ist halt böse. Investments, die früher sicher waren, bergen heute ein größeres Risiko. Das ist eine große Veränderung die wir hier erleben, die aber vielen noch nicht bewußt ist.

Gerhard Mittelbach: Unsere Branche trifft an der Entwicklung sicher eine Mitschuld. Die Übertreibung Ende der 90er-Jahre, als über alles und jedes ein Fonds aufgelegt wurde. Da wurde immer mehr in die Tiefe gegangen und Produkte für selbsternannte Asset Locator geschaffen, die es aus meiner Sicht heute nicht mehr geben sollte. Aus heutiger Sicht sind eher die Dickschiffe gefragt, wie sie früher eigentlich schon da waren. Damals wußte man bereits aus dem Namen, worin der Fonds anlegt. Heute ist das leider oft nicht so. Wir haben in Österreich etwa 25.000 zugelassene Fonds inkl. ihrer Subvarianten. Wenn wir 20.000 streichen würden, wären das noch immer viel zu viele. Nachteil der teilweisen Produktiefe ist auch, dass durch das Marketing der im Fokus zu stehende Markt vorgegeben wird. Das ist pervers. Ich kann nicht durch Marketing einen Markt bestimmen. Persönlich sehe ich die Zukunft unserer Branche in einfachen Produkten, die der Anleger versteht. Er will wissen: Was ist mein Risiko, wie lange muss ich drinnen bleiben und was ist der maximal zu erwartende Verlust. Da gibt es eine handvoll Spielarten für Fonds, mehr nicht. Spezialfonds werden für den Institutionellen Markt sein, obwohl man auch dort hinterfragen sollte, ob all das wirklich notwendig ist.

Harald Egger: Es ist wie eine Kette. Wenn ich sage, Staatsanleihen sind nicht mehr attraktiv, wird nicht gleich zur Aktie gesprungen, sondern zur nächst höheren Risikoklasse, Corporate Bonds. Hier sind die Spreads schon stark zurückgegangen, die Zitrone ist also bereits ziemlich ausgepresst. Das nächste Kettenglied sind Emerging Marktes- und High Yield-Bonds. Und wohl erst wenn auch hier die Renditen unattraktiver werden, wird es zum Griff zu Aktien kommen. Hoffentlich nicht erst, wenn der gesamte Festverzinsliche Bereich bereits ausgepresst ist. Das ist auch meine Hoffnung für 2013: Dass Aktien wenigstens ein bisschen mehr in Mode kommen. Cafe BE: Ist der angesprochene Griff zum einfachen Produkt bereits in der Realität zu spüren? Bzw. wie weit sind Sie auf dem Weg dahin?

Alois Steinböck: Wir haben unsere Produktpalette immer überschaubar gehalten. Mit dem aktuellen Angebot sollte der Privatanleger gut bedient sein, natürlich wird es immer da und dort Adaptierungen geben. Teils wurde früher in der Branche sicher der Fehler gemacht, dem Wunsch des Vertriebs nach immer neuen Produkten nachzukommen. Auch wenn da Gleiches oft nur anders verpackt wurde. Dabei muss ich nicht immer Neues verkaufen, es kann auch ein bereits verkauftes Produkt sein, wenn der Kunde damit zufrieden ist.

Harald Egger: Es war eine Unart des vergangenen Jahrzehnts, mit der Folge, dass wir mehr als 100 Publikumsfonds haben - damit ist jeder überfordert. Jetzt kommt wieder die Rückbesinnung. Wir sind dabei, zu konsolidieren. Cafe BE: Bei der Espa wurden vor allem im Bereich Responsibility der Name im Fonds auf Erste getauscht. Wird das auf die gesamte Produktpalette angewendet werden? Die Bawag PSK hat mit Golden Tree einen neuen Großaktionär. Ist von da aus Anlegersicht etwas zu erwarten und gleiches in Bezug auf den bevorstehenden Abschluss der Umstrukturierung bei PEH?

Harald Egger: Wir wollen mehr und mehr unserer Fonds über die Töchter in Osteuropa verkaufen. Dort hat die Erste einen Namen, die Espa nicht. Darüber läuft ein Diskussionsprozess mit allen Beteiligten.

Gerhard Mittelbach: Die Umstrukturierung sollte der Kunde nicht merken. Wir konzentrieren etwa viele Asset Manager in Frankfurt.

Cafe BE: Weil der Wert der Markenbekanntheit in Osteuropa angesprochen wurde. Sehen Sie das für die etablierten Märkte auch von zunehmender oder abnehmender Bedeutung?

Gerhard Mittelbach: Die Marke wird ein wesentlicher Punkt der Anlageentscheidung sein. Das hat weniger mit Performancezahlen zu tun, sondern dass ich dieses Unternehmen kenne.

Harald Egger: Das hat wieder viel mit Sicherheit zu tun.

Gerhard Mittelbach: Kleinere Anbieter haben es da sicher schwieriger.

Harald Egger: Wir sind nicht mehr die Wachstumsbranche, die wir bereits waren. Die Konsolidierung wird sich massiv fortsetzen und da haben die Großen sicher einen Vorteil. Die Kleinen müssen sich auf Nischen spezialisieren.

Alois Steinböck: Die verstärkte Positionierung der Marke Bawag PSK sehen wir in den nun gemeinsam gebrandeten Filialen. Da erwarten wir uns in der Zukunft durchaus neue Geschäftsmöglichkeiten. Auf den neuen Finanzinvestor angesprochen - dort gibt es keine Einmischung ins Anlagegeschäft; gab es nie und wird es nie geben.
 
gill
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