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03.12.2012 07:00
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Heiko Thieme: "Mit Aktien schlafen zu gehen, könnte zum Albtraum werden"

Thieme ist seit Jahren einer der Star-Referenten des Wiener Wertpapierforums. Kaum war der Börse-Experte in Wien angekommen, nahm er sich sich Zeit für ein Gespräch mit dem BE

Heiko Thieme
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Börse Express: Die Wiederwahl Barack Obamas wurde bisher von den Kapitalmärkten nicht wirklich beklatscht. Liegt das nur an den vor ihm liegenden Problemen wie Fiskalkliff und Verschuldung der USA allgemein, oder gibt es da noch andere Punkte, die aus Sicht der Börse gegen Obama sprechen?

Heiko Thieme: Die US-Wahlen haben das Kräfte-Verhältnis im Kongress nur geringfügig verändert. Während die in der Opposition stehenden Republikaner von ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus etwas einbüssten, konnten die Demokraten ihre knappe Mehrheit im Senat leicht ausbauen. Damit braucht Präsident Obama weiter die Unterstützung beider Parteien, um seine politische Agenda durchsetzen zu können. Das bedeutet, kompromissbereit zu sein, um eine nochmalige politische Stagnation zu vermeiden.
Kommt es zu keiner schnellen Einigung bei der Defizit-Reduzierung, so droht das "finanzielle Kliff", Amerika in eine Rezession zu drängen, was die Börse mit deutlichen Kurseinbrüchen quittieren würde. Wegen dieser Angst blieb der Beifall an den Börsen bisher aus. Das "Fiskalkliff" kann und muss vermieden werden.

BE: Aber alles paletti, wenn wir die Einigung noch vor Jahresende haben?

Thieme: Selbst bei einem Kompromiss noch vor Jahresende wird die erwartete globale Wachstumsabschwächung die Unternehmensgewinne belasten und damit das Kurspotenzial an den Börsen stark limitieren. Die Gefahr einer Börsen-Baisse im nächsten Jahr kann somit nicht ignoriert werden.

BE: Sind die zuletzt gedrückten Kurse trotzdem eine gute Einstiegsgelegenheit, oder wären Sie vorerst einmal vorsichtig?

Thieme: Wenn Aktienkurse um 20 Prozent oder mehr gefallen sind, dann ergeben sich Kaufchancen. Dazu gehört die Apple-Aktie. Als dieser Technologie-Titel von seinem Höchstkurs von 700 US-Dollar Mitte September innerhalb von nur zwei Monaten um rund 25 Prozent fiel, nannte ich Apple auf meiner Börsenhotline und in meinem wöchentlichen Blog ein frühes Weihnachtsgeschenk. Inzwischen ist die Aktie mehr als 10 Prozent wieder gestiegen, kann aber noch vorsichtig akkumuliert werden. Das bisherige Rekordhoch kann in den nächsten zwei Monaten wieder erreicht werden. Auch Intel gehört zu meinen Favoriten, nachdem der Aktienkurs dieses Halbleiter-Herstellers um über 30 Prozent gefallen ist. Generell gilt, die Aktien-Selektion steht nach einer fast vierjährigen Hausse im Vordergrund.

BE: Die Konsens-Prognose für die Entwicklung der Gewinne im S&P-500 laut Bloomberg liegt derzeit bei ziemlich genau 10%. Ist das angesichts des noch immer eingetrübten globalen Wachstums auch nur ansatzweise realistisch?

Thieme: Nein! Die Gewinne werden in den kommenden zwölf Monaten eher etwas fallen, als weiterhin steigen.

BE: Schreckt Sie eigentlich noch Europa bzw. Griechenland? Und wie beurteilen Sie die (Anlage-)Situation in Kerneuropa?

Thieme: Griechenland bleibt im Euro, allerdings damit auch weiterhin ein Problem. Ein Schuldenschnitt muss kommen, auch wenn sich Deutschland dagegen aus innenpolitischen Gründen zur Zeit noch wehrt. Die beiden Verschuldungskrisen in Europa und den USA werden an den Aktienmärkten immer wieder Nervosität erzeugen und zu erheblichen Kursschwankungen beitragen. Dies schafft allerdings auch für mutige und schnell handelnde Anleger enorme Chancen, solange man das Kauf- und Verkaufsniveau nicht aus dem Auge verliert.

BE: 2012 war so etwas wie das Jahr der Unternehmensanleihe – bei Aktien waren nicht viele dabei. Was kommt 2013 bzw. wodurch wird dieses Jahr für Sie gekennzeichnet sein?

Thieme: 2012 war ein sehr einträgliches Börsenjahr, auch wenn nur wenige diese Chance wahrnahmen. Vor einem Jahr empfahl ich den Aktienkauf beim Wertpapierforum des Business Circles. Der Wiener ATX und der DAX in Deutschland weisen heute ein Plus von über 25 Prozent auf. Wer die Schwankungen in diesem Jahr zum Kaufen und Verkaufen ausnutzte, konnte sogar auf einen Gewinn von über 40% kommen. Ein solches Ergebnis wird im nächsten Jahr nicht möglich sein. Ich schliesse sogar eine Börsen-Baisse mit einem Minus von 20 Prozent oder etwas mehr nicht aus. Die derzeitige Hausse wäre im März vier Jahre alt und damit überdurchschnittlich lang.

BE: Das heisst dann an sich für eine Portfolioaufstellung?

Thieme: Existierende Positionen sind mit einem Stop abzusichern, oder man sollte Positionen bei einem weiter steigenden Markt verkaufen, um dann wieder Rückkäufe bei niedrigeren Kursen von minus 15 bis 25 Prozent vorzunehmen. Als Beispiel nannte ich bereits Apple.

BE: Welche Branchen empfehlen Sie derzeit und wovon sollte man die Finger lassen?

Thieme: Kaufenswert sind Technologie-Titel, selektiv auch Banken und Bauwerte. Unternehmen mit hohen Dividenden sind ebenfalls interessant, aber eher in Europa, da Dividenden in den USA demnächst höher besteuert werden könnten.
Meiden würde ich Kohle-Unternehmen wegen verschärfter Auflagen und die meisten Verteidigungstitel wegen Ausgabekürzungen. Vorsicht auch bei den meisten Ölwerten, die erst nach einem Ölpreisrückgang von 10 bis 15 Prozent wieder kaufenswert sind.

BE: Wenn ich Sie nach 3 Top-Empfehlungen frage ... und warum Ihnen diese Titel gefallen ...

Thieme: Intel nach einem Kursverfall von mehr als 30 Prozent mit einer Dividendenrendite von 4,5 Prozent
Apple nach seinem kürzlichen Kurseinbruch und Commerzbank als Turnaround-Möglichkeit.

BE: Wie stehen Sie zum Begriff der „Neuen Normalität“ und werden, wie dabei erwartet, die nach vorne gerichteten Renditen unter den vergangenen liegen? Stimmen Sie dem tendenziell zu?

Thieme: Die Aktienmärkte sind hektischer geworden, man muss schneller handeln und kann nicht mehr, wie Kostolany vor über 20 Jahren sagte, mit den Aktien schlafen. Dies könnte zu einem Albtraum werden. Jahresgewinne von bis zu 10 Prozent sind an der Börse jedoch weiter möglich, auch wenn man hierfür etwas härter arbeiten muss. Am Ende des Jahrzehnts kann der Dow Jones durchaus die 20.000-Marke erreichen; der DAX wird über 10.000 stehen aber die 15.000-Marke nur schwer bzw. kaum erreichen. Der ATX in Wien wird vielleicht erst im nächsten Jahrzehnt ein neues Rekordhoch von über 5000 sehen. Diese genannten Ziele sollten nicht deprimieren, sondern eher mit Beifall begrüsst werden. Die Welt hat enorme Probleme zu lösen; die Lösungen eröffnen jedoch auch neue Visionen und neues Potenzial. Aktien werden in den nächsten 20 Jahren Rententitel deutlich schlagen. Das war in den vergangenen 30 Jahren nicht der Fall.

Interview: Robert Gillinger

Aus dem Börse Express pdf vom 30. November 2012
 

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