„Die Zeit unbeschränkter Kreditvergabe an Staaten und Gemeinden ist vorüber”, sagte Erste
-CEO Andreas Treichl in dieser Woche vor Journalisten in Prag.
„Banken werden künftig einen grossen Bogen um die Staatsfinanzierung machen, sich nur äusserst kurzfristig und sehr vorsichtig und zu hohen Preisen engagieren. Staaten längerfristig zu finanzieren - das wird sich jeder Banker dreimal überlegen“, gibt Willibald Cernko, Chef der österreichischen UniCredit-Tochter Bank Austria, im Interview mit dem „Standard“ zu Bedenken.
Dennoch, in Europa ist im Jänner die Nachfrage nach Staatsanleihen, quasi-Staatsanleihen und auch Financial Bonds laut
Jochen Felsenheimer, Credit Stratege der deutschen Assenagon, enorm gestiegen. Die Ursache liegt für ihn auf der Hand: Die Bereitstellung der extrem günstigen Drei-Jahres
-Refinanzierung für die Banken durch die
EZB.
Zur Erinnerung: Kurz vor Weihnachten hat die EZB 523 Banken insgesamt 489 Mrd.
Euro auf 36 Monate zu einem Zinssatz von 1% zur Verfügung gestellt. „Ein Grossteil dieser
Liquidität wird in europäische Staatsanleihen fliessen. Das ist für die Banken eine ‘free lunch’-Situation, und die
Finanzierung von Staaten war noch nie so profitabel wie jetzt“, sagt Felsenheimer. Und weiter: „Wenn sich die europäischen Banken nicht allzu ungeschickt anstellen, werden sie auf die knapp 500 Mrd. Euro bis zu 50 Mrd. Euro risikolos verdienen. Sie dürfen nur eines nicht tun: Das Geld an die Realwirtschaft durchreichen“.
Der Aktion könne - wie jeder Sache - aber auch etwas Positives abgewonnen werden: „In so einem Szenario muss man sich über die Güterpreisinflation keine Sorgen machen. Das einzige, was inflationiert wird, sind Staatsanleihen und
Anleihen der Finanzinstitutionen“.
Auch wenn die EZB damit einen Weg gefunden hat, direkte Staatsanleihenkäufe zu umgehen, bleibt ökonomisch betrachtet das Risiko weiterhin bei der Zentralbank, während die Banken die potenziellen Gewinne verbuchen. Und diese „Carry Trade“-Geschäfte - billig
Kredit von der EZB nehmen und den Staaten damit teureren Kredit einräumen - können sich durchaus auszahlen: So rentieren etwa zwei- bis dreijährige italienische Staatsanleihen bei 6%, bei spanischen sind es 4,5%. Demgegenüber liegt der Refinanzierungszinssatz der EZB bei 1%.
Gewinn und Risiko getrenntFelsenheimer hebt zwei Entwicklungen am Markt besonders hervor: „Anleihen, die staatliche Garantien haben (und deshalb risikobetrachtet denselben Status wie Staatsanleihen haben, jedoch mit weitaus höherem
Spread gehandelt werden, sind von Investoren stark nachgefragt. Vor allem irische staatsgarantierte Bankanleihen sind hier zu nennen“. Sprich, das billige Geld fliesse seiner profitabelsten Verwendung zu, wobei eben derjenige, der den potenziellen Gewinn macht, ein anderer ist, als derjenige, der das Risiko trägt. Dies werde umso deutlicher, als auch qualitativ schlechtere Bankanleihen, etwa portugiesischer Institute, von dem durch die EZB ausgelösten Nachfrageschub profitieren können. „Vor allem solche bis zu einer Fälligkeit bis Ende 2014. Das heisst, die Banken rechnen gar nicht damit, die Liquidität nur kurzfristig zwischen zu parken, sondern damit, diese Anleihen bis zur Fälligkeit vollständig durch die EZB zu refinanzieren“, so der Credit-Experte.
Spekulationen im VorfeldIm Vorfeld des zweiten Drei-Jahres-Tenders am 29. Februar gehen bereits die Spekulationen hoch, wieviel Geld die EZB neuerlich ins System pumpen wird. Die Analysten bei Morgan Stanley rechnen mit 150 Mrd. bis 400 Mrd. Euro. Sie erwarten, dass vor allem mittelgrosse Banken in
Italien und
Spanien derartige kurzfristige Carry Trades mit den Staatsanleihen ihrer Länder eingehen. Denn grenzüberschreitende Käufe, etwa dass eine französische Bank bei italienischen Staatsanleihen aufstockt, sind derzeit eher nicht wahrscheinlich. Dazu sind die Unsicherheiten rund um die Zukunft der Eurozone noch zu gross und das damit wahrgenommene Risiko durch die Investoren noch zu gross.
Unterm Schnitt Beim ersten Drei-Jahres-Tender über 500 Mrd. Euro haben laut Morgan Stanley vor allem italienische (33%) und spanische Institute (17%) zugegriffen. Die
Erste Group holt sich laut Erste-CEO Treichl in der „Presse“ 2 Mrd. Euro ab,
Raiffeisen griff nicht zu. Die österreichischen Banken sind übrigens unterdurchschnittlich in Staatsanleihen des eigenen Landes investiert: Laut Morgan Stanley haben Europas Banken im Schnitt 6% ihrer Assets in Anleihen/Krediten des jeweiligen Heimatlands investiert, in
Österreich sind es 4%. (bs)