Die Causa
Immofinanz/Constantia
Privatbank wird die Justiz noch längere Zeit beschäftigen. Neben den strafrechtlichen Ermittlungen der Wiener Staatsanwaltschaft gegen Ex-Chef
Karl Petrikovics und eine Reihe weiterer früherer Organe muss sich die börsenotierte Immofinanz auf der Zivilrechtsfront mit zahlreichen Anlegerforderungen herumschlagen. Nun rollt eine weitere Klagslawine auf die Gesellschaft zu. Allein der Prozesskostenfinanzierer Advofin macht bis Ende der Woche einen
Schaden von rund 200 Mio.
Euro geltend. Weitere 250 Klagen hat der oberösterreichische Anwalt
Michael Poduschka in den vergangenen Wochen eingebracht.
Rund drei Jahre ist es nun her, seit die mutmaßlichen Malversationen des früheren Immofinanz/CPB-Managements aufflogen - es gilt die Unschuldsvermutung. Infolgedessen kam es zu einem beispiellosen Kursgemetzel, begonnen hatte der Verfall freilich schon im Gefolge der
Subprime-Krise 2007. Im Jahr 2008 büßte die Immoaktie schließlich mehr als 90 Prozent ihres Werts ein. Neben institutionellen Investoren waren auch tausende Kleinanleger mit riesigen Verlusten konfrontiert, das als sicher geltende Papier war im großen Stil von
Banken und Finanzberatern an den Mann und die Frau gebracht worden. Viele von ihnen wollen nun ihr Geld zurück und sind bereits vor Gericht gezogen. Beklagt ist beispielsweise der AWD, dem vorgeworfen wird, die Immoaktie systematisch als risikolose Anlage verkauft zu haben, was AWD stets bestritten hat.
Jetzt muss sich aber auch das neue Immofinanz-Management um
Eduard Zehetner mit der Vergangenheit herumschlagen. "Um verjährungsmäßig auf der sicheren Seite zu sein - am 6. Oktober 2008 ist Karl Petrikovics zurückgetreten", deckt etwa Advofin die Immofinanz bis Ende der Woche mit neuen Klagen ein, wie
Franz Kallinger der APA sagte. Konkret sollen neun Sammelklagen, rund 25 Einzelklagen für
Stiftungen, 20 für
Fonds und weitere 50 für
Anleger eingebracht werden. Gesamtvolumen: Rund 200 Mio. Euro. Neben der Immofinanz ist zum Teil auch die CPB-Nachfolgegesellschaft Aviso Zeta beklagt.
Auch der Anwalt Michael Poduschka war in den vergangenen Wochen in der Causa aktiv. "Rund 250 Klagen habe ich in den letzten eineinhalb Monaten eingebracht. Die Immofinanz soll die
Aktien zurücknehmen und meinen Mandanten das Geld zurückzahlen", sagte er im Gespräch mit der APA.
Die Vorwürfe sind altbekannt: Das
Unternehmen hätte ihren Aktionären nicht verschweigen dürfen, dass ihr Geld nicht ausschließlich in
Immobilien, sondern zu einem Gutteil auch in den Kauf von Aktien geflossen sei. Bei der Immofinanz steckten laut Poduschkas Berechnungen im Jahr 2008 nur zwei Drittel der
Aktiva in Immobilienvermögen, bei der
Immoeast überhaupt nur die Hälfte.
Rechtsanwalt Michael Poduschka geht es nicht darum, "dass sie etwas Falsches gesagt haben, sondern darum, dass sie etwas verschwiegen haben". Hinzu komme, dass mit dem Geld der Anleger "nicht irgendwelche Aktien" erworben worden seien, sondern eigene. Poduschka ortet hier Marktmanipulation, da der Rückkauf vorher nicht kommuniziert worden sei. "Die Leute müssen wissen, ob der
Kurs den Marktverhältnissen entspricht. Hier wurde der Kurs mit Geld der eigenen Anleger 'gefaked'", so der Rechtsvertreter.
Dadurch sei eine Spirale in Gang gekommen: Je mehr Leute eingestiegen seien, desto mehr habe die
Aktie an Wert gewonnen. Die Kursrallye wiederum habe immer neue Anleger angelockt. "Dabei war Petrikovics über die Constantia-Privatbank-Töchter für den regen Handel großteils selbst verantwortlich", behauptet der Rechtsvertreter.
Da die steile Fahrt nach oben aber eben aufgrund der mutmaßlichen Malversationen ein abruptes Ende nahm, seien auch Anleger zu Schaden gekommen, die zu niedrigen Kursen eingestiegen waren und deshalb "eigentlich nicht getäuscht wurden", wie Poduschka ausführt. "Jemand kauft zu 5 Euro, der Kurs steigt auf 10 Euro, dann kommt der Skandal - und der Kurs kracht runter auf 25 Cent." Der renommierte Wiener Rechtswissenschafter Georg Wilhelm nennt dies in einem Artikel in der juristischen Fachzeitschrift ecolex "Skandalschaden". Bei der Immofinanz, so Poduschka, sei genau das der Fall gewesen, denn: "Bad news travel fast."
Karl Petrikovics weist derartige Vorwürfe zurück. Sein Anwalt Otto Dietrich verwies am Donnerstag gegenüber de APA auf das Gutachten des Sachverständigen Christian Imo. Darin sei "eindeutig festgestellt worden, dass die Kursentwicklung bei der Immofinanz und bei der Immoeast in keiner Weise von vergleichbaren Werten abweicht. Es ist auch festgehalten worden, dass keine Marktmanipulation feststellbar ist."
Advofin-Chef Franz Kallinger, der rund 4.000 Immofinanz-/Immoeastanleger, darunter auch Großinvestoren
Deutschland oder Holland, vertritt, kritisiert indes auch das neue Immofinanz-Management scharf. "Die Immofinanz hat einen Verjährungsverzicht kategorisch abgelehnt. Das allein macht eine derartige Klagsflut notwendig", meinte er. "Wenn die Immofinanz überzeugt davon ist, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, könnte man das in Musterklagen klären. Dann braucht niemand jammern, dass die Gerichte überlastet werden."
Darüber hinaus müsse sich der neue Immofinanz-Boss Eduard Zehetner "schon im Klaren sein, was das an Kosten verursacht." Bisher habe Advofin schon 2,8 Mio. Euro an Gerichtsgebühren aufgewendet. "Ich bin überzeugt davon, dass hier bei der nächsten Immofinanz
-Hauptversammlung (am 28. September im Wiener Austria Center, Anm.) einige Fragen auf Zehetner zukommen werden", meinte Kallinger und wetterte: "Sich so auf ein hohes Ross zu begeben, finde ich nicht in Ordnung."
Bei Zehetner sorgt dies für Kopfschütteln: "Ich kann nicht jemandem, der von unserem Unternehmen Geld will, seinen Weg erleichtern", meinte er zur APA. "Die 4.000 Klagen des Herrn Kallinger sind schon lange angekündigt. Er soll sie endlich einbringen, aufpassen, dass ihm keine Fehler passieren und auf die Gebührenschonung seiner Mandanten achten", ätzte der Immofinanz-Chef. "Meine Hauptaufgabe als
Vorstand ist es, das Unternehmen und unsere bestehenden
Aktionäre gegen Leute wie Herrn Kallinger und Herrn Poduschka zu verteidigen, die ihr Geschäft nicht aus Barmherzigkeit betreiben", sagte der Manager und setzt noch eins drauf: "Die Wünsche, die die Herren an mich richten, und der geforderte Verjährungsverzicht grenzen an Untreue."
Ob die Immofinanz nun ihre Prozesskostenvorsorgen erhöhen muss? "Wenn die Klagen in der Qualität wie die alten sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich der Rückstellungsbedarf wesentlich erhöht." Die Rückstellungen für die momentan laufenden Verfahren "erachten wir als ausreichend." Beziffern wollte diese Zehetner nicht. (APA)