Die Ratingagenturen, die von Politikern und Notenbankern derzeit der Verschärfung der Schuldenkrise beschuldigt werden, sind weiter Mittelpunkt der Debatte. Europa fordert ziemlich übereinstimmend eine eigene Agentur, um die Macht der US-Ratingstellen zu beschneiden. Am Mittwoch gab es von Ökonomen und Praktikern in Österreich dazu auch skeptische Stimmen.
Eher belustigt über die Diskussion über die Ratingagenturen zeigte sich heute der in Oxford lehrende Ökonom Clemens Fuest (im Bild). "Das kommt mir vor, als würde man behaupten, der Guide Michelin (Restaurantführer, Anm.) macht österreichische Restaurants kaputt, weil er sie schlecht bewertet", sagte Fuest in einer Diskussion am Wiener IHS.
Die Schaffung einer staatlichen Ratingagentur "würde zu einer Lachnummer werden", ein privates Unternehmen bräuchte lange Zeit, um das nötige Standing am Markt zu erlangen. Insgesamt komme die ganze Diskussion der "Konstruktion eines Sündenbocks" gleich, findet Fuest.
Vor zu hohen Erwartungen in eine neue große europäische Ratingagentur neben den drei Häusern nach US-amerikanischem Muster (Moody's, Standard & Poor's, Fitch) hat am Mittwoch der Chefökonom der Industriellenvereinigung und Finanzfachmann Christian Helmenstein gewarnt. Eine solche vierte Ratingagentur könnte eine Scheinlösung werden, fürchtet er. Hätte sie gar politische Vorgaben zu erfüllen, wäre der Informationswert entsprechend gering. Da könnte das Geld dafür gleich eingespart werden. "Das wäre reine Verschwendung von Steuergeldern", meinte Helmenstein in einer Pressekonferenz.
Helmenstein erwartet, dass sich auf privatwirtschaftlicher Basis aus den bisher bis zu 40 Einrichtungen, die in Europa derzeit Kreditbewertungen vornehmen, eine Konsolidierung ergibt. Die ein oder zwei europäischen Player, die sich da herauskristallisieren könnten, wären dann "die Nummer vier und fünf" im Markt. Und wie in jedem Kreis von konkurrierenden Instituten - so wie bei Wirtschaftsforschungsinstituten - müssten sich die Rating-Häuser profilieren. Wenn sich eine europäische Ratingagentur abheben wolle, müsse sie "früher, besser, schärfer sein".
Ratingagenturen vollziehen in den Augen von Helmenstein im wesentlichen das, was im Markt schon passiert sei. In der Marktbewertung der Anleihenbestände Griechenlands sei ein Schuldenschnitt de facto schon bewertet.
Zum Status quo der Arbeit der Ratingagenturen bei der Länderbewertung stellte Helmentein heute fest, dass das US-Rating derzeit um 2 Stufen zu hoch sei.
Die Schaffung einer europäischen Rating-Agentur sieht auch der ehemalige Stahlmanager und heutige Notenbank-Präsident Claus Raidl skeptisch: "Ich hege keine Hoffnungen, dass eine neu zu schaffende europäische Agentur zu kurzfristigen Verbesserungen führt. Diese müsste sich erst eine Reputation auf den Finanzmärkten verschaffen, und das würde sie nicht mit Soft-Beurteilungen erreichen", sagte Raidl in "News".
(APA)